Notizen aus dem dritten Viertel: Wie weit würdest du gehen?
Über Bonnie & Clyde und die gefährliche Schönheit der Loyalität.
„Auf mich kannst Du Dich verlassen“
Ein gewaltiges Versprechen, meistens in einem Augenblick ausgesprochen, in dem niemand nach seinen Bedingungen fragt. Das Wort immer macht sich gut zwischen zwei Menschen, die einander vertrauen. Es klingt nach Sicherheit, nach einer Zukunft, in der man sich aufeinander verlassen kann, und besitzt jene wunderbare Unbekümmertheit, mit der Menschen über Jahre verfügen, die sie noch gar nicht erlebt haben.
Sarah Connor und Henning Wehland singen in Bonnie & Clyde von einer Verbundenheit, die ihre Jugend überdauert. Zwei Menschen, die einmal die Welt verändern wollten und irgendwann feststellen müssen, dass die Welt auch ohne ihre Zustimmung weitergegangen ist. Was bleibt, ist das alte Versprechen. Es hat inzwischen eine Geschichte, vielleicht auch einige Narben, und klingt gerade deshalb eindringlicher als damals.
Der Titel ist eine Provokation, auch wenn die Popgeschichte sie längst zur romantischen Dekoration gemacht hat. Bonnie und Clyde waren Verbrecher. Ihre gegenseitige Treue verlieh ihren Taten weder Würde noch Unschuld. Sie machte sie lediglich zu gemeinsamen Taten. Der Mythos liebt das Paar, weil es bis zum Ende zusammenblieb. Über die Menschen, die auf ihrem Weg zu Schaden kamen, schweigt er lieber.
Die Loyalität selbst besitzt kein Gewissen.
Sie kann einen Menschen schützen und einen anderen zugrunde richten. Sie kann den Mut aufbringen, gegen eine ganze Umgebung zu einem Freund zu stehen, und denselben Mut dazu verwenden, dessen schlimmste Entscheidungen zu verteidigen. Wer sich auf seine Treue beruft, hat damit über deren moralischen Wert noch nichts gesagt.
In Der kleine Prinz lässt Antoine de Saint-Exupéry den Fuchs von einer Verantwortung sprechen, die ein Leben lang fortbesteht, wenn Menschen einander vertraut geworden sind.
Zeitlebens.
Ein Wort, das zunächst beinahe zärtlich klingt und mit jedem gelebten Jahrzehnt an Gewicht gewinnt. Denn Vertrautheit hinterlässt Verpflichtungen, selbst wenn die Nähe längst verschwunden ist. Zwei Menschen können einander fremd geworden sein und dennoch eine gemeinsame Vergangenheit besitzen, die sich keiner von ihnen nachträglich vom Leib schaffen kann.
Aber die Vergangenheit ist ein schlechter Gesetzgeber.
Aus gemeinsam verbrachten Jahren erwächst kein Recht auf die Zukunft des anderen. Wer Loyalität mit lebenslanger Zustimmung verwechselt, macht aus Verbundenheit eine Forderung. Er beruft sich auf ein Versprechen, das vielleicht einmal aus Freiheit entstand, und verlangt seine Erfüllung auch dort, wo von dieser Freiheit kaum etwas übrig geblieben ist.
Die Zeit erledigt den Rest oft mit einer Geduld, die beinahe grausam ist.
Eine Enttäuschung wird entschuldigt, die nächste hingenommen. Irgendwann fragt niemand mehr, weshalb einer immer nachgibt und der andere immer fordert. Man kennt die Rollen. Sie haben sich bewährt, jedenfalls für einen der beiden. Was einmal Zuneigung war, wird zur Gewohnheit, und die Gewohnheit besitzt einen erheblichen Vorteil gegenüber der Liebe: Sie verlangt keine neue Entscheidung.
So kann Loyalität einen Menschen langsam aufzehren. Ohne großen Verrat, ohne dramatischen Bruch, gelegentlich sogar unter dem Beifall einer Umgebung, die bewundert, wie treu jemand geblieben ist. Niemand fragt, was ihn diese Treue kostet. Das Opfer selbst vielleicht am wenigsten, weil es längst gelernt hat, seine Erschöpfung für Anstand zu halten.
Und doch wäre eine Welt, in der jeder seine Bindungen bei der ersten Zumutung aufkündigt, ein ziemlich unerfreulicher Ort. Freundschaft braucht die Gewissheit, dass ein Mensch auch dann bleibt, wenn es unbequem wird. Liebe wäre kaum auszuhalten, müsste sie sich nach jeder Enttäuschung neu um ihre Berechtigung bewerben.
Gerade deshalb ist die Grenze so schwer zu ziehen. Ein Versprechen soll etwas gelten, wenn die Umstände schwierig werden. Aber wie viel? Und wer entscheidet darüber, wann aus einer Zumutung eine Überforderung geworden ist?
Die Angst, als Verräter zu gelten, kann größer sein als der Schmerz, den das Bleiben verursacht. Wer sich entfernt, muss mit dem Urteil der anderen leben. Wer bleibt, erhält wenigstens die Anerkennung, loyal gewesen zu sein. Eine bemerkenswerte moralische Buchführung, in der gelegentlich ausgerechnet derjenige am besten abschneidet, der sich am gründlichsten aufgegeben hat.
Vielleicht zeigt sich die Qualität einer Verbundenheit erst dort, wo zwei Menschen einander widersprechen können, ohne die gemeinsame Geschichte zur Waffe zu machen. Wo einer eine Grenze zieht und der andere sie als Grenze anerkennt, selbst wenn sie ihm missfällt.
Das verlangt manchmal mehr als das große Versprechen, gemeinsam bis ans Ende der Welt zu gehen.
Saint-Exupéry spricht von Verantwortung. Sie kann auch bedeuten, einem Menschen seine Freiheit zu lassen, obwohl man sie selbst lieber anders verwendet sähe. Und manchmal besteht die letzte anständige Handlung innerhalb einer alten Loyalität darin, dem anderen eine Entscheidung zuzumuten, die man nicht mehr mittragen kann.
Bonnie und Clyde gingen gemeinsam bis zum Ende.
Es war ein ziemlich schlechtes Ende.
Die eigentliche Größe einer Freundschaft oder Liebe könnte darin liegen, dass sie auch den Augenblick übersteht, in dem einer sagt, er gehe diesen Weg nicht weiter.
Und der andere ihn gehen lässt.
d.k.butler, Oktober 2026