Notizen aus dem dritten Viertel: Ich bin Stiller. Der Formwandler

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Notizen aus dem dritten Viertel: Ich bin Stiller. Der Formwandler
Wassertürme, Herten-Scherlebeck, Oktober 2026

Von Max Frischs Stiller und der Zumutung, "Einer" sein zu sollen.

Auf die Frage, was ich eigentlich mache, habe ich inzwischen keine vernünftige kurze Antwort mehr.

Rechtsanwalt funktioniert noch am besten. Der Beruf ist geprüft, steht auf Briefpapier und beendet manche Gespräche, bevor sie kompliziert werden. Unternehmer geht ebenfalls, obwohl sich darunter jeder etwas anderes vorstellt. Bei "Restrukturierer" wird meistens nachgefragt, was genau da restrukturiert wird, und Hundeverhaltenstherapeut führt zuverlässig zu Geschichten über Hunde, die angeblich nur zu Hause schwierig sind.

Vater sage ich bei solchen Gelegenheiten fast nie. Dabei ist es vermutlich diejenige meiner Lebensformen, die mich am gründlichsten beschäftigt und deren Bedeutung sich am wenigsten mit einem Titel beschreiben lässt. Eine meiner Töchter ist erwachsen, zwei sind noch Kinder. Die eine braucht längst einen anderen Mann als die Fünfjährige, und bei der Neunjährigen erfahre ich regelmäßig, dass mein Rat nicht schon deshalb erwünscht ist, weil ich einen habe. Man kann in ein und derselben Familie mehrere Väter sein, ohne dass einer davon weniger wirklich wäre.

Balletttänzer wäre ebenfalls eine richtige Antwort, wenn auch eine, die bei meinem heutigen Erscheinungsbild gelegentlich Verwunderung auslöst. Politiker ebenso. Beides liegt Jahrzehnte zurück, und doch widerstrebt mir die Gewohnheit, frühere Lebensformen als bloße Vorstufen dessen zu betrachten, was später aus einem geworden ist. Der Tänzer war keine unfertige Ausgabe des Rechtsanwalts. Er hatte seinen eigenen Ernst, seine Eitelkeiten, seine Vorstellung davon, was gelingen sollte. Und der Politiker war keineswegs nur ein Zwischenaufenthalt auf dem Weg zum Unternehmer. Was damals wichtig war, wurde nicht nachträglich unwahr, weil anderes wichtiger geworden ist.

Merkwürdigerweise lässt sich das am Körper manchmal leichter feststellen als an der Erinnerung. Bestimmte Musik genügt, und eine Bewegung ist wieder da, die seit fünfunddreißig Jahren kaum Verwendung gefunden hat. Der Kopf sucht noch nach dem nächsten Schritt, während der Fuß ihn längst begonnen hat. Es ist eine eigentümliche Begegnung mit einem Menschen, der man einmal gewesen ist und der offenbar nie vollständig ausgezogen ist.

Lebensläufe erzählen solche Geschichten schlecht. Sie bringen eine Ordnung in die Jahre, die während ihres Verlaufs selten vorhanden war. Ausbildung, Beruf, Position, Wechsel, Erfolg. Rückwärts gelesen sieht das alles beinahe folgerichtig aus, als habe einer schon mit zwanzig gewusst, wohin er mit fünfundfünfzig wollte. Ich habe diese Sicherheit jedenfalls nicht besessen. Manche Wege ergaben sich, andere wurden gesucht, einige begannen aus einer Laune heraus und erwiesen sich später als erstaunlich dauerhaft.

Was mich inzwischen daran beschäftigt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der wir trotzdem von dem Menschen sprechen, der wir seien. Als müsste sich aus all diesen Jahren eine einzige Gestalt herausschälen lassen, möglichst widerspruchsfrei und für andere leicht zu erkennen bzw. zu berechnen.

Vielleicht liegt darin schon die erste Irritation.

Denn ich kann keinen dieser früheren Menschen ernsthaft verleugnen, ohne etwas von dem heutigen mit zu verlieren. Und ebenso wenig möchte ich einen von ihnen zum eigentlichen erklären, dem alle anderen nur zugearbeitet hätten.

Für diese etwas unbequeme Gleichzeitigkeit benutze ich inzwischen ein Wort, das auf einer Visitenkarte vermutlich einen merkwürdigen Eindruck hinterließe.

Formwandler.

Das Wort stammt aus Star Trek: Deep Space Nine.

Odo, eine der eigentümlicheren Figuren dieser Serie, konnte nahezu jede Gestalt annehmen. Er war Sicherheitschef auf einer Raumstation, trug eine Uniform, hatte ein Gesicht, an das sich die anderen gewöhnt hatten, und musste doch regelmäßig in seinen flüssigen Zustand zurückkehren. Seine feste Erscheinung war eine Form, in der er lebte, ohne dass sie ihn vollständig beschrieb.

Als ich die Serie zum ersten Mal sah, faszinierte mich vor allem die Möglichkeit, die eigene Gestalt zu verändern. Dass Odo dabei in jeder seiner Gestalten er selbst blieb, erschien mir damals weit weniger bemerkenswert als die Verwandlung selbst. Wir sind daran gewöhnt, hinter den verschiedenen Rollen eines Menschen nach seinem eigentlichen Wesen zu suchen, als müsste irgendwo unter den beruflichen Bezeichnungen, den gesellschaftlichen Erwartungen und den wechselnden Lebensumständen eine unveränderliche Person verborgen liegen.

Bei Odo funktioniert diese Vorstellung nicht recht. Seine Gestalten sind wirklich, solange er sie annimmt. Und selbst der flüssige Zustand, in den er zurückkehrt, erklärt noch nicht, wer er ist.

 

Auf einem Resthof lebt man anders als in einer Hamburger Stadtwohnung. Schon die Geräusche verändern den Tag. Auf dem Hof kündigt sich das Wetter an, bevor man einen Blick darauf wirft; in der Stadt beginnt der Morgen häufig mit einem Geräusch, dessen Herkunft man gar nicht wissen möchte. Norderney wiederum besitzt eine eigene Art, Zeit verstreichen zu lassen. Man kann am Meer stehen und einer Sonne beim Untergehen zusehen, die für dieses Schauspiel weder Zuschauer noch Beifall benötigt.

Auch Reisen verändern die eigene Gegenwart. Es gibt Städte, in denen man nach wenigen Stunden schneller spricht, und andere Orte, an denen die Zeit ihre sonst so überzeugende Dringlichkeit verliert. Das sind zunächst äußere Veränderungen, aber sie bleiben selten äußerlich. Menschen reagieren anders, werden aufmerksamer für bestimmte Dinge, ungeduldiger gegenüber anderen. Manchmal entdeckt man an sich Eigenschaften, die im gewohnten Alltag kaum Gelegenheit haben, hervorzutreten.

Keine dieser Gestalten erscheint mir deshalb weniger wirklich als die andere. Der Mann auf dem Hof ist nicht der eigentliche Mensch, der sich in Hamburg nur vorübergehend anders verhält. Und derjenige, der am Meer lange schweigen kann, muss sich nicht dafür rechtfertigen, dass er anderswo einen ganzen Raum mit seiner Stimme ausfüllt.

Vielleicht verlangen wir von Identität eine Beständigkeit, die sie gar nicht besitzen muss.

Ein Mensch kann sich verändern, ohne sich deshalb untreu zu werden. Er kann in verschiedenen Umgebungen unterschiedliche Seiten seiner Persönlichkeit ausbilden, und es wäre ein merkwürdiges Verständnis von Wahrhaftigkeit, wollte man ihm nur eine davon zugestehen.

Ein Formwandler ist jemand, der mehr als eine wahre Form hat.

Schwierig wird es meistens erst, wenn andere wissen möchten, welche davon nun die eigentliche sei.

 

Das Ruhrgebiet meiner Kindheit bestand aus einer Vielzahl von Milieus, die auf erstaunlich engem Raum nebeneinander existierten und einander dennoch nicht immer besonders gut kannten.

Man musste dafür nicht weit gehen. Schon ein paar Straßen konnten genügen, um in eine andere gesellschaftliche Welt zu geraten. Da lebten Arbeiterfamilien neben kleinen Selbständigen, Menschen, deren Alltag seit Generationen durch dieselben Betriebe bestimmt wurde, und andere, die sich gerade etwas Eigenes aufbauten. Türkische, griechische, polnische, italienische und jugoslawische Familien brachten ihre Sprachen und Gewohnheiten mit, während sich in den Schulen, auf den Straßen und in den Vereinen längst eigene Formen des Zusammenlebens entwickelten. Die Grenzen zwischen diesen Welten waren vorhanden, aber sie verliefen selten so ordentlich, wie spätere Beschreibungen sozialer Milieus vermuten lassen.

Früh fiel mir auf, dass Menschen in verschiedenen Milieus nicht nur anders sprachen, sondern gelegentlich auch andere Dinge für selbstverständlich hielten. Was in einem Haus als Höflichkeit galt, konnte im nächsten schon als übertriebene Förmlichkeit erscheinen. Mancher sprach laut und galt als herzlich, ein anderer tat dasselbe und wurde für unverschämt gehalten. Es kam darauf an, wer sprach, zu wem und in welchem Raum.

Mit den Jahren wurden die Unterschiede größer und zugleich weniger eindeutig. Zu den Milieus der Herkunft kamen die der Bildung, der Politik und der Wirtschaft, später auch jene gesellschaftlichen Zwischenräume, für die es selten eine eindeutige Bezeichnung gibt. Zwischen der öffentlich anerkannten Welt mit ihren Ämtern, Titeln und geschriebenen Regeln und jenen Bereichen, in denen persönliche Beziehungen, Einfluss und unausgesprochene Verpflichtungen das Geschehen bestimmen, liegen zahlreiche Schattierungen. Manche reichen weit über die Grenzen dessen hinaus, was die bürgerliche Gesellschaft für selbstverständlich hält. Andere begegnen einem ausgerechnet dort, wo man sie aufgrund gesellschaftlicher Stellung und tadelloser Umgangsformen am wenigsten vermutet hätte.

Diese Schattierungen verraten allerdings wenig über den Charakter eines Menschen. Ein tadelloser Anzug ist kein Beweis für Anstand, und gesellschaftliche Anerkennung sagt noch nichts darüber, wie jemand mit Menschen umgeht, von denen er nichts zu erwarten hat. Umgekehrt macht die Vertrautheit mit den Regeln einer fremden oder gesellschaftlich wenig angesehenen Welt deren Handlungen nicht richtiger. Gerade die Übergänge haben mich beschäftigt, weil sich dort zeigt, wie verschieden Menschen dieselben Begriffe verwenden können. Vertrauen, Respekt, Verpflichtung oder Loyalität bedeuten nicht überall dasselbe.

Später begegnete mir diese Verschiedenheit auch an Universitäten, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Der konservative Professor hatte seine eigene Vorstellung davon, wie ein vernünftiges Gespräch zu führen sei, der linke Lehrstuhl eine andere. Beide hielten ihre Sprache gelegentlich für die natürliche Form des Denkens, und beide konnten ausgesprochen empfindlich reagieren, wenn jemand die ungeschriebenen Regeln ihres jeweiligen Milieus nicht kannte.

Mich haben solche Unterschiede immer interessiert. Bis heute versuche ich in einem unbekannten Raum zunächst zu verstehen, wie die Menschen miteinander umgehen. Wer darf wem widersprechen, worüber wird gelacht, welche Bemerkung verändert plötzlich die Stimmung? Manchmal verrät ein beiläufiger Satz mehr über ein Milieu als eine lange Erklärung seiner gesellschaftlichen Stellung.

Dabei wäre es vermessen, aus dieser Aufmerksamkeit eine besondere Menschenkenntnis abzuleiten. Wer sich in unterschiedlichen Milieus bewegen kann, versteht deshalb noch lange nicht jeden Menschen, dem er dort begegnet. Man kann die Sprache eines Raumes beherrschen und sich in seinen Bewohnern gründlich täuschen. Auch Vertrautheit schützt vor solchen Irrtümern nicht zuverlässig.

Selbst wer die Sprache eines Milieus fließend spricht, wird dadurch nicht zwangsläufig einer der Ihren. Man kann seine Regeln kennen, die Witze verstehen und wissen, wann besser geschwiegen wird. Dennoch bleibt etwas, das sich von außen nicht vollständig erwerben lässt. Gemeinsame Herkunft, durchlebte Jahre und jene Selbstverständlichkeiten, über die nie gesprochen werden musste, lassen sich nicht durch Aufmerksamkeit ersetzen.

Gerade in den unterschiedlichen Schattierungen der gesellschaftlichen Welt wird das spürbar. Was in einem politischen Gespräch als Loyalität gilt, kann in einem wirtschaftlichen Zusammenhang bereits als Abhängigkeit verstanden werden. Anderswo besitzt ein gegebenes Wort eine Verbindlichkeit, die sich aus keinem Vertrag ergibt, und ein scheinbar beiläufiger Widerspruch kann mehr bedeuten als eine offene Auseinandersetzung. Wer solche Unterschiede nicht kennt, versteht oft nicht einmal, weshalb ein Gespräch plötzlich eine andere Richtung nimmt.

Ich habe diese Übergänge selten als Wechsel zwischen einem wirklichen und einem gespielten Leben empfunden. Sie verlangen Aufmerksamkeit für die Menschen und die Ordnungen, in denen sie sich bewegen. Man kann sich in verschiedenen Welten zurechtfinden, ohne ihre Regeln zu übernehmen, und dennoch wird man nicht überall vollständig dazugehören. Der Formwandler bleibt in diesem Sinne auch Grenzgänger.

Vielleicht liegt gerade darin seine eigentümliche Freiheit. Er muss sich nicht auf die Vorstellung einer einzigen gesellschaftlichen Welt beschränken, die ihm sagt, wer er zu sein hat. Allerdings zahlt er dafür mit einer Zugehörigkeit, die an manchen Orten unvollständig bleibt.

Keine dieser Welten besitzt das Monopol darauf, wie ein Mensch zu sein hat.

 

Wer sich zwischen unterschiedlichen Welten und Milieus bewegt, nimmt gelegentlich Menschen mit, die einander sonst kaum begegnet wären.

Das geschieht selten mit einer besonderen Absicht. Man kennt jemanden aus einem früheren Leben, einen anderen aus dem Beruf, einen dritten aus einem gesellschaftlichen Zusammenhang, und irgendwann sitzen sie am selben Tisch. Was für den einen eine selbstverständliche Bemerkung ist, verlangt vom anderen zunächst eine Erklärung. Manchmal entsteht daraus ein Gespräch, das länger dauert als vorgesehen. Manchmal auch eines, das besser früher beendet worden wäre.

Ich mag solche Begegnungen. Besonders den Augenblick, in dem die anfängliche Höflichkeit nachlässt und Menschen beginnen, einander wirklich zuzuhören. Es dauert gelegentlich eine Weile, bis sie aufhören, ihre gesellschaftliche Stellung mit an den Tisch zu bringen. Ein Titel kann dabei ebenso hinderlich sein wie das Bedürfnis, sich von Titeln ausdrücklich unbeeindruckt zu zeigen. Beides beschäftigt den Raum länger, als es verdient.

Interessant wird es, wenn jemand plötzlich etwas sagt, das überhaupt nicht zu dem Bild passt, das sich sein Gegenüber bereits von ihm gemacht hat. Ich habe Menschen erlebt, deren Sprache kaum über das Nötigste hinausging und die dennoch eine bemerkenswerte Sicherheit im Urteil besaßen. Sie brauchten wenige Worte, um einen Zusammenhang zu erkennen, über den andere noch lange und mit ausgesuchter Begrifflichkeit verhandelten. Umgekehrt kann ein Mensch eine Stunde lang vollkommen druckreif sprechen, ohne dass man am Ende sehr viel mehr weiß als zuvor.

Vielleicht liegt darin eine der hartnäckigsten Eitelkeiten gebildeter Milieus: dass sie ihre eigene Art, Gedanken auszudrücken, gelegentlich mit der Fähigkeit verwechseln, überhaupt welche zu haben. Dabei kann ein unbeholfener Satz einen präzisen Gedanken enthalten, während eine glänzende Formulierung dessen Abwesenheit recht geschickt verdeckt.

Ähnliches gilt für den Umgang mit Menschen. Wer die richtigen gesellschaftlichen Formeln kennt, beherrscht deshalb noch lange nicht die Kunst, einen anderen Menschen zu verstehen. Manchmal besitzt jemand, dem die Worte fehlen, ein feineres Gespür für die Verletzlichkeit seines Gegenübers als einer, der darüber einen ausgezeichneten Vortrag halten könnte.

Manchmal empfinde mich dabei als eine Art Fährmann.

Der Fährmann kennt die Ufer, weiß um die Strömungen und bringt Menschen über ein Wasser, das ihnen fremd ist. Er muss nicht jeden Ort lieben, an dem er anlegt, und er wird sich hüten, seinen Fahrgästen vorzuschreiben, was sie auf der anderen Seite zu denken haben.

Allerdings ist auch dieses Bild nicht ganz unschuldig. Es unterstellt dem Fährmann eine Übersicht, die er keineswegs immer besitzt. Wer verschiedene gesellschaftliche Welten kennt, kann leicht der Versuchung erliegen, sich für unabhängiger zu halten als diejenigen, die fest in einer von ihnen verwurzelt sind. Dabei sieht man vom Fluss aus manches deutlicher, anderes überhaupt nicht. Das Leben an den Ufern kennt derjenige besser, der dort geblieben ist.

Der Fährmann ist nicht wichtiger als die Menschen an den Ufern. Er kennt nur den Fluss.

Und selbst den kennt er nicht vollständig.

Es gibt Strömungen, die sich erst zeigen, wenn man bereits hineingeraten ist. Ein Gespräch kann kippen, obwohl alle Beteiligten dieselben Worte verwenden. Loyalität wird plötzlich als Unterwerfung verstanden, Zurückhaltung als Schwäche, Offenheit als Anmaßung. Wer die Sprache verschiedener Milieus beherrscht, kann solche Missverständnisse manchmal früher erkennen. Verhindern lassen sie sich deshalb noch lange nicht.

Darin liegt auch eine Grenze des Formwandlers. Er kann eine Begegnung ermöglichen, aber nicht bestimmen, was die Menschen daraus machen. Gelegentlich muss er erleben, dass zwei Welten einander auch nach einem langen Gespräch fremd bleiben. Manchmal ist diese Fremdheit sogar berechtigt.

Und dennoch gibt es diese seltenen Abende, an denen etwas gelingt, ohne dass einer der Beteiligten seine Herkunft, seine Überzeugungen oder seine Eigenheiten ablegen müsste. Menschen verlassen einen Tisch mit einem anderen Bild voneinander, vielleicht auch mit einer kleinen Irritation über das eigene Urteil.

Der Fährmann hat dann seine Arbeit getan.

Wem das andere Ufer gefällt, muss jeder selbst entscheiden.

 

Max Frisch beginnt seinen Roman Stiller mit einem Satz, der keine Vorbereitung braucht:

„Ich bin nicht Stiller!“

Es ist ein Ausruf von bemerkenswerter Heftigkeit. Ein Mann weigert sich, derjenige zu sein, für den ihn andere halten, und gerät damit in einen Konflikt, der sich durch keine noch so genaue Beschreibung seiner Person auflösen lässt. Die Menschen, die ihn wiedererkennen, besitzen Erinnerungen an ihn, Geschichten und Erfahrungen, die sich seiner Verfügung entziehen. Er kann einen anderen Namen annehmen und eine andere Geschichte erzählen. Über das Gedächtnis der anderen entscheidet er damit noch lange nicht.

Frisch lässt seinen Stiller an einer Schwierigkeit leiden, die weit über die Frage nach dem richtigen Namen hinausgeht. Ein Mensch kann sich selbst verändern und dennoch in den Augen anderer derjenige bleiben, den sie einmal kannten. Die frühere Gestalt wird von ihnen aufbewahrt, manchmal liebevoll, gelegentlich unerbittlich. Und je entschiedener einer erklärt, er sei inzwischen ein anderer, desto hartnäckiger kann das Bild werden, gegen das er sich wehrt.

Darin liegt eine eigentümliche Macht des Wiedererkennens. Man begegnet einem Menschen und meint zu wissen, wer er ist, weil man einmal sehr genau wusste, wer er war. Vielleicht erkennt man sogar seine Stimme, eine Bewegung oder jene kleine Ungeduld, mit der er früher auf bestimmte Dinge reagierte. Dass zwischen damals und heute ein ganzes Leben stattgefunden haben könnte, gerät dabei leicht in den Hintergrund.

Mich beschäftigt an Frischs Roman vor allem die Frage, wem die Identität eines Menschen eigentlich gehört. Demjenigen, der sie lebt, oder denen, die sich an ihn erinnern? Es wäre bequem, das Recht vollständig dem Einzelnen zuzuschreiben. Schließlich sollte jeder selbst bestimmen dürfen, wer er sein möchte. Nur sind wir nicht allein entstanden. Andere Menschen haben uns erlebt, uns geliebt, sich an uns geärgert und manchmal Folgen unserer Entscheidungen getragen, an die wir selbst längst nicht mehr denken.

Sie besitzen deshalb einen Teil unserer Geschichte, über den wir nicht frei verfügen können.

Der Formwandler gerät an dieser Stelle in eine Schwierigkeit. Wenn alle seine früheren Gestalten wahr gewesen sein sollen, dann gehören auch ihre Irrtümer zu ihm. Er kann sich nicht auf den Standpunkt zurückziehen, dass der Mann von damals inzwischen verschwunden sei und seine Entscheidungen deshalb mit dem heutigen nichts mehr zu tun hätten. Die Form mag gewechselt haben. Die Verantwortung lässt sich nicht so leicht verwandeln.

Gerade deshalb interessiert mich der Gegensatz zu Frischs berühmtem Ausruf und ich rufe:

Ich bin Stiller.

Ich bin auch der Mensch, der ich früher gewesen bin, obwohl ich vieles heute anders sehe und manches vermutlich anders entscheiden würde. Andere mögen mich in einer Gestalt kennengelernt haben, die längst nicht mehr meinen Alltag bestimmt. Sie haben sich diese Gestalt nicht eingebildet. Sie war wirklich, und ihre Erinnerung daran besitzt eine Berechtigung, die ich nicht allein deshalb bestreiten kann, weil ich inzwischen weitergelebt habe.

Allerdings wird daraus kein Anspruch, mich für immer auf diese frühere Gestalt festzulegen. Die Erinnerung eines anderen kann wahr sein und dennoch unvollständig. Manchmal ist sie sogar gerade deshalb so hartnäckig, weil sie über die Jahre nichts Neues mehr aufnehmen musste.

Vielleicht liegt die eigentliche Zumutung darin, beides gelten zu lassen: die Wahrheit dessen, was man gewesen ist, und die Freiheit, inzwischen anders geworden zu sein.

Frischs Stiller will aus einem Bild heraus, das andere von ihm besitzen. Der Formwandler möchte die verschiedenen Bilder nicht gegeneinander ausspielen. Er muss allerdings aushalten, dass keines davon den ganzen Menschen zeigt. Und ich rufe noch einmal:

Ich bin Stiller. Und ich bin all die anderen auch.

 

Es gibt Lebensläufe, in denen sich die verschiedenen Tätigkeiten eines Menschen beinahe zwangsläufig auseinander zu entwickeln scheinen. Wer einmal Ballett getanzt hat, später in der Politik tätig war, als Rechtsanwalt gearbeitet und Unternehmen geführt hat, muss damit rechnen, dass andere darin eine Reihe von Brüchen erkennen. Die Frage, wie das alles zusammenpasse, wird meistens mit jener höflichen Neugier gestellt, hinter der sich die Vermutung verbirgt, dass es eigentlich nicht zusammenpassen könne.

Dabei ist mir der Abstand zwischen diesen Tätigkeiten nie so groß erschienen, wie es ihre Bezeichnungen vermuten lassen.

Beim Tanzen war die Bühne noch eine wirkliche Bühne. Der Körper musste lernen, einer Musik zu folgen, bis irgendwann aus den eingeübten Bewegungen etwas entstand, das über ihre technische Beherrschung hinausging. Eine Drehung konnte vollkommen richtig sein und dennoch nichts erzählen. Man musste etwas hineinlegen, das sich schwer unterrichten ließ und dessen Fehlen selbst dann spürbar war, wenn kein einziger Schritt misslang.

In der Politik veränderte sich das Mittel. Dort musste ein Gedanke durch Sprache Gestalt annehmen, Menschen erreichen, Widerspruch hervorrufen oder Zustimmung gewinnen. Wer vor einem Saal steht, spürt sehr schnell, ob die eigenen Worte nur bis zum Mikrofon reichen oder tatsächlich bei den Zuhörern ankommen. Und auch dort gibt es jene schwer zu beschreibende Grenze zwischen einer ordentlich vorgetragenen Rede und dem Augenblick, in dem ein Mensch wirklich etwas zu sagen hat.

Natürlich spielt dabei Eitelkeit eine Rolle. Wer auf eine Bühne geht, gleichgültig ob in Tanzschuhen oder mit einem Redemanuskript, wird schwerlich behaupten können, ihm sei die Wirkung auf andere vollkommen gleichgültig. Ich habe jedenfalls nie verstanden, weshalb man ausgerechnet diesen Teil des menschlichen Ausdrucks so gern verleugnet. Das Bedürfnis, gesehen und gehört zu werden, kann anstrengende Formen annehmen. Es kann aber auch der Antrieb sein, sich überhaupt die Mühe zu machen, etwas so lange zu bearbeiten, bis es anderen zugänglich wird.

Später, als Unternehmer, bekam dieses Bedürfnis eine andere Gestalt. Eine Vorstellung, die zunächst nur im eigenen Kopf existiert, soll plötzlich außerhalb davon Bestand haben. Man muss Menschen dafür gewinnen, Entscheidungen treffen, mit Widerständen umgehen und gelegentlich feststellen, dass die Wirklichkeit wenig Neigung besitzt, sich an die ursprüngliche Idee zu halten. Anders als auf einer Bühne lässt sich eine misslungene Unternehmung nicht nach der Vorstellung einfach wieder abbauen. Sie bleibt mit ihren Folgen bestehen, auch wenn derjenige, der sie begonnen hat, längst etwas anderes vorhatte.

Und inzwischen ist das Schreiben wieder stärker in mein Leben getreten.

Es erscheint auf den ersten Blick wie die zurückhaltendste dieser Tätigkeiten. Ein Schreibtisch, ein Gedanke, ein paar Sätze, die zunächst niemand hört. Tatsächlich ist das Schreiben für mich eine der unmittelbarsten Formen von Öffentlichkeit. Ein Gedanke, der im Gespräch noch durch Stimme, Gestik und Gegenwart seines Urhebers gestützt wird, muss auf dem Papier allein zurechtkommen. Er kann dort weder nachträglich seine Absicht erklären noch den Gesichtsausdruck des Lesers zu seinen Gunsten beeinflussen.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb ein Satz manchmal mehr Arbeit macht als eine Rede.

Er muss bleiben können, wenn derjenige, der ihn geschrieben hat, längst nicht mehr danebensteht.

Dass sich diese Texte heute über digitale Plattformen verbreiten, verändert daran weniger, als man zunächst vermuten könnte. Die Bühne ist kleiner geworden und zugleich auf eigentümliche Weise grenzenlos. Man schreibt einen Gedanken auf, veröffentlicht ihn, und irgendwo liest ihn ein Mensch, dessen Gesicht man vielleicht niemals sehen wird. Manchmal antwortet er. Manchmal bleibt der Text unbeantwortet und wirkt dennoch weiter, ohne dass sein Verfasser davon erfährt.

Bei aller Verschiedenheit dieser Tätigkeiten erkenne ich darin etwas Vertrautes. Der Körper des Tänzers, die Sprache des Politikers, die Gestaltungskraft des Unternehmers und die Sätze des Schreibenden haben jeweils eine andere Möglichkeit geschaffen, etwas Inneres in die Welt zu bringen. Die Inhalte haben sich mit den Jahren verändert, ebenso die Menschen, an die sie sich richteten. Auch die Bedeutung, die ich den einzelnen Formen beigemessen habe, ist nicht dieselbe geblieben.

Die Bühnen haben gewechselt. Was in mir nach Ausdruck verlangte, ist geblieben.

Damit ist allerdings noch wenig darüber gesagt, was dieses Innere eigentlich ausmacht. Es wäre verführerisch, hinter den wechselnden Ausdrucksformen einen unveränderlichen Kern zu vermuten, der nur immer neue Wege nach draußen sucht. Doch wer lange genug unterschiedliche Formen gelebt hat, wird irgendwann feststellen, dass auch das, was er ausdrücken möchte, nicht immer aus derselben Quelle stammt.

Vielleicht ist die eigentliche Frage deshalb weniger, auf welcher Bühne ein Mensch steht, als wer in ihm gerade das Bedürfnis verspürt, sie zu betreten.

 

Es gibt Sätze, die man sich irgendwann zu eigen macht, weil sie etwas ausdrücken, das man lange empfunden hat, ohne dafür eine besonders genaue Formulierung zu besitzen.

„Nicht angepasst. Mir gemäß.“ ist für mich ein solcher Satz.

Er hat etwas Entschiedenes, beinahe Trotzendes, und vermutlich gefällt er mir auch deshalb. Man muss schließlich nicht jede Erwartung erfüllen, die andere an einen herantragen. Wer lange genug in unterschiedlichen gesellschaftlichen Welten gelebt hat, kennt die unausgesprochenen Forderungen, die dort an einen Menschen gestellt werden. Man soll sich angemessen verhalten, den richtigen Ton treffen, die eigene Stellung kennen und möglichst nicht allzu deutlich aus der Rolle fallen.

Nur beginnt der Satz bei näherer Betrachtung Schwierigkeiten zu machen.

Welchem Mir?

Dem Menschen, der eine Entscheidung treffen möchte, oder demjenigen, der ihre Folgen bereits vor sich sieht? Dem, der gern in Gesellschaft ist, oder jenem, der nach einem langen Abend das Schweigen beinahe körperlich genießt? Man kann beide Regungen aufrichtig empfinden und dennoch feststellen, dass sie einander gelegentlich im Wege stehen.

Vielleicht liegt der Irrtum schon in der Vorstellung, Treue zu sich selbst müsse sich durch Beständigkeit beweisen.

Wir bewundern Menschen, die ihren Grundsätzen treu bleiben. Das ist verständlich. Verlässlichkeit macht Zusammenleben überhaupt erst möglich, und jemand, der seine Überzeugungen täglich nach dem Wetter richtet, wird auf Dauer kaum Vertrauen gewinnen. Aber es gibt auch eine Treue, die sich nur noch auf das eigene frühere Bild bezieht. Man hält an einer Haltung fest, weil man sie einmal mit großer Entschiedenheit vertreten hat, obwohl die Erfahrungen, auf denen sie beruhte, längst andere geworden sind.

Dann wird aus Konsequenz allmählich Starrsinn.

Es ist nicht immer leicht, den Übergang zu bemerken. Zumal Menschen dazu neigen, gerade jene Eigenschaften an uns zu schätzen, die ihnen das Zusammenleben mit uns erleichtern. Der Entschlossene soll entschlossen bleiben, der Verlässliche verfügbar, der Unterhaltsame möglichst gut gelaunt. Manchmal werden wir für eine Form geliebt oder bewundert, deren Aufrechterhaltung uns längst mehr Kraft kostet, als andere ahnen.

Und es gibt Formen, die uns selbst gefallen, obwohl sie uns nicht mehr entsprechen.

Ein Mensch kann an seiner eigenen Souveränität hängen. Er kennt die Wirkung, die sie auf andere hat, und hat über Jahre gelernt, sie beinahe mühelos hervorzubringen. Vielleicht verdankt er ihr sogar einen erheblichen Teil dessen, was ihm gelungen ist. Umso schwerer fällt es, sich einzugestehen, dass sie in bestimmten Situationen nur noch eine Gewohnheit geworden ist.

Das gilt ebenso für den Widerspruch. Wer sich lange als unabhängig verstanden hat, kann irgendwann aus bloßer Gewohnheit gegen Erwartungen verstoßen, die er bei unbefangener Betrachtung durchaus vernünftig fände. Selbst die Weigerung, sich anzupassen, kann zu einer Rolle werden, die man gewissenhaft erfüllt.

Darin liegt eine kleine Ironie meines eigenen Satzes.

Wer unbedingt unangepasst sein möchte, ist möglicherweise längst an seine Vorstellung von Unangepasstheit angepasst.

Vielleicht verlangt „Mir gemäß“ deshalb mehr Aufmerksamkeit, als die beiden Worte zunächst vermuten lassen. Es genügt nicht, die Erwartungen anderer zurückzuweisen. Man muss auch bereit sein, die eigenen früheren Überzeugungen zu überprüfen, gerade jene, auf die man besonders stolz gewesen ist.

Das ist gelegentlich unangenehm.

Denn Veränderungen werden von außen gern als Widerspruch gelesen. Menschen erinnern sich an das, was man früher gesagt hat, und halten einem die Abweichung vor, als sei jede neue Einsicht ein Beweis mangelnder Verlässlichkeit. Manchmal haben sie recht. Es gibt schließlich auch die bequeme Form des Wandels, bei der sich ein Mensch jeweils das zu eigen macht, was ihm gerade nützt.

Der Formwandler ist gegen diese Versuchung nicht gefeit.

Vielleicht sogar weniger als andere.

Wer sich in vielen Welten bewegen kann, muss besonders genau darauf achten, wann er deren Sprache aus Verständnis spricht und wann aus dem Wunsch, dazuzugehören. Die Grenze verläuft selten dort, wo man sie vermutet, und sie verschiebt sich mit den eigenen Interessen.

Das macht die Frage nach der Wahrhaftigkeit einer Form schwieriger, aber auch interessanter.

Es genügt nicht, dass sie sich vertraut anfühlt. Manche Gewohnheiten tun das gerade deshalb, weil man sie seit Jahren nicht mehr geprüft hat. Und auch der Beifall anderer ist ein unzuverlässiger Maßstab. Er sagt zunächst nur, dass ihnen gefällt, was sie sehen.

Vielleicht erkennt man eine wahre Form eher daran, dass man in ihr noch lebendig bleibt. Dass sie Entwicklung zulässt, ohne bei jeder Veränderung ihre Berechtigung zu verlieren. Dass man sich in ihr wiedererkennt und dennoch nicht verpflichtet fühlt, für immer derselbe zu bleiben.

Manche Formen werden eines Tages zu eng. Das geschieht selten plötzlich. Zunächst bemerkt man nur eine gewisse Anstrengung, eine Unlust, die sich schwer erklären lässt, oder das merkwürdige Gefühl, in einer vertrauten Situation etwas von sich selbst zurückhalten zu müssen.

Irgendwann versteht man, weshalb.

Man trägt die Form nicht mehr. Man hält sie.

Und vielleicht beginnt genau dort die nächste Verwandlung.

 

Es gehört zu den eigentümlichen Erfahrungen eines längeren Lebens, dass man sich von Dingen verabschieden kann, die man keineswegs bereut.

Ein Beruf, den man mit Leidenschaft ausgeübt hat, verliert irgendwann seine Anziehungskraft. Eine Aufgabe, die über Jahre den Alltag bestimmte, wird von anderen übernommen. Man verlässt einen Ort, an dem man sich wohlgefühlt hat, oder bemerkt, dass eine Überzeugung, die einem früher selbstverständlich erschien, inzwischen einer gründlicheren Betrachtung nicht mehr standhält.

Solche Veränderungen werden gern mit dem Bedürfnis erklärt, etwas hinter sich zu lassen. Als müsse eine Lebensform erst falsch geworden sein, damit man berechtigt wäre, sie aufzugeben. Dabei kann etwas vollkommen richtig gewesen sein und dennoch seine Zeit gehabt haben.

Wir haben uns daran gewöhnt, das Leben rückblickend als eine Entwicklung zu betrachten, bei der jede neue Stufe die vorherige übertreffen sollte. Die Ausbildung führt zum Beruf, der Beruf zur Verantwortung, die Verantwortung zu einer Stellung, die man möglichst lange behauptet. Selbst persönliche Veränderungen werden häufig danach beurteilt, ob sie einen Menschen weitergebracht haben. Wohin dieses Weiter eigentlich führen soll, bleibt dabei erstaunlich unbestimmt.

Der Begriff des Fortschritts ist für technische Entwicklungen außerordentlich brauchbar. Bei einem Menschen wird er ungenauer. Ein Fünfzigjähriger ist nicht notwendig die verbesserte Ausgabe des Dreißigjährigen. Er verfügt über andere Erfahrungen und hat manche seiner früheren Überzeugungen aufgegeben, vielleicht sogar solche, die ihm damals sehr geholfen haben. Dafür fehlen ihm inzwischen Möglichkeiten, die dem Jüngeren selbstverständlich offenstanden. Er ist in mancher Hinsicht freier geworden und an anderer Stelle stärker gebunden. Eine Rangordnung seiner verschiedenen Lebensalter ließe sich daraus nur mit einiger Willkür herstellen.

Dennoch betrachten wir frühere Entscheidungen gern mit dem Wissen von heute und vergessen dabei, dass dieses Wissen erst durch die Jahre entstanden ist, die wir nun beurteilen. Der Mensch von damals musste mit dem auskommen, was er wusste, was er hoffte und wovor er sich fürchtete. Manche seiner Irrtümer waren vermeidbar, andere vermutlich kaum. Und einige Entscheidungen, die rückblickend unvernünftig erscheinen, haben Möglichkeiten eröffnet, deren Bedeutung sich damals noch überhaupt nicht erkennen ließ.

Man sollte dem früheren Menschen deshalb nicht jede Dummheit nachsehen. Aber man darf ihm zugestehen, dass er seine Gegenwart ernst genommen hat.

Spannend finde ich an der Vorstellung des Formwandlers besonders diese Gerechtigkeit gegenüber den eigenen früheren Gestalten. Der Tänzer musste nicht wissen, dass einmal ein Rechtsanwalt aus ihm werden würde. Der Politiker hatte keine Verpflichtung, seine Entscheidungen danach auszurichten, ob sie eines Tages zum Lebensbild eines Unternehmers passen könnten. Und der Schreibende von heute muss seine früheren Formen nicht nachträglich in eine Geschichte verwandeln, deren eigentlicher Zweck darin bestanden hätte, ihn hervorzubringen.

Das wäre eine ziemlich anmaßende Art, mit der eigenen Vergangenheit umzugehen.

Die Vorstellung, man müsse irgendwann bei sich selbst ankommen, erscheint mir ohnehin zunehmend fragwürdig. Sie setzt voraus, dass irgendwo eine endgültige Gestalt wartet, in der alle früheren Widersprüche aufgehoben sind und der Mensch endlich mit sich übereinstimmt. Für einen suchenden, rastlosen Menschen wäre ein solcher Zustand möglicherweise weniger erfreulich, als er zunächst klingt. Wer mit sich vollständig fertig ist, hat vermutlich auch aufgehört, sich besonders zu überraschen.

Das Leben scheint mir dafür zu unberechenbar. Menschen verändern sich unter Einflüssen, die sie weder gesucht noch vorausgesehen haben. Eine Begegnung kann eine lange gehegte Überzeugung erschüttern, ein Buch einen Gedanken freilegen, den man bisher nicht zu Ende gedacht hatte. Und manchmal genügt eine neue Verantwortung, um Eigenschaften hervorzubringen, die man sich selbst kaum zugetraut hätte.

Der Formwandler muss deshalb auch seine gegenwärtige Gestalt mit einer gewissen Vorläufigkeit betrachten können. Das verlangt keineswegs, alles ständig infrage zu stellen. Wer eine Aufgabe übernommen hat, trägt Verantwortung für sie, und ein Wechsel der inneren Haltung entbindet ihn nicht von den Verpflichtungen, die daraus entstanden sind.

Mit der eigenen Vergangenheit lässt sich ohnehin schlecht verhandeln. Sie ist geschehen, und vieles von dem, was sie hinterlassen hat, wird man noch lange mit sich tragen. Schwieriger ist der Umgang mit den Erwartungen, die aus ihr entstehen. Wer über Jahre in einer bestimmten Weise gelebt hat, beginnt irgendwann selbst zu glauben, dass ihm andere Möglichkeiten kaum noch offenstehen. Man kennt seine Fähigkeiten, seine Grenzen und die Wirkung, die man auf andere hat, und richtet sich darin ein, häufig mit beträchtlichem Erfolg.

Gerade dieser Erfolg kann sich als hartnäckig erweisen. Eine Lebensform, die sich bewährt hat, verlangt selten von selbst nach Veränderung. Sie bietet Sicherheit, Anerkennung und eine gewisse Bequemlichkeit. Man weiß, wie man sich in ihr bewegt, welche Erwartungen an einen gestellt werden und wie man sie erfüllt. Mit der Zeit entsteht daraus eine Vertrautheit, die kaum noch erkennen lässt, wo die eigene Überzeugung endet und die Gewohnheit beginnt.

Und dann passiert etwas.

Es kann ein Mensch sein, dem man begegnet und dessen Gegenwart einen unvermittelt aus der eigenen Ordnung bringt. Ein Gespräch, das noch Tage später im Kopf weitergeht. Eine Idee, die zunächst wie eine jener flüchtigen Einfälle erscheint, von denen man im Laufe eines Lebens genügend hatte, bis sie sich plötzlich nicht mehr abschütteln lässt. Man wacht morgens damit auf, trägt sie durch Termine und Gespräche, beginnt Möglichkeiten zu sehen, wo gestern noch ein vollkommen gewöhnlicher Alltag lag.

Mitunter ist es ein Gefühl, das man in dieser Heftigkeit längst hinter sich glaubte. Begeisterung kann einen Menschen ebenso unvorbereitet treffen wie Verliebtheit, und beide besitzen die unangenehme Eigenschaft, sich wenig um die sorgfältig entwickelten Vorstellungen davon zu kümmern, was in einem bestimmten Lebensalter noch vernünftig wäre.

Das Merkwürdige ist die Geschwindigkeit, mit der sich dann etwas verändert. Der Kalender ist derselbe, die Verpflichtungen bestehen fort, die Welt hat sich äußerlich kaum bewegt. Aber man selbst geht anders durch sie hindurch. Was eben noch dringend erschien, verliert an Gewicht. Ein Gedanke, der gestern keine Rolle spielte, beansprucht plötzlich Stunden. Man beginnt wieder, sich auf etwas zu freuen, ohne genau erklären zu können, weshalb gerade diese Aussicht eine solche Kraft entwickelt.

Und mit der Begeisterung kommt die Unsicherheit. Denn was einen derart ergreift, lässt sich selten vollständig beherrschen. Man weiß inzwischen zu viel über das Leben, um jeden neuen Aufbruch für eine sichere Angelegenheit zu halten. Trotzdem kann die Aussicht auf etwas Unbekanntes eine beinahe jugendliche Ungeduld hervorrufen, die man an sich selbst mit einer Mischung aus Verwunderung und Vergnügen beobachtet.

Bei mir ist es in letzter Zeit vor allem das Schreiben. Eine Beschäftigung, die zunächst kaum mehr war als der Versuch, Gedanken festzuhalten, hat eine eigene Bewegung entwickelt. Aus einzelnen Texten ist mit Reif.Leben etwas entstanden, das inzwischen weit über den ursprünglichen Einfall hinausreicht. Ich ertappe mich dabei, wie ich morgens bereits an einem Satz arbeite, bevor der Tag richtig begonnen hat, oder mitten in einem Gespräch eine Formulierung finde, die ich möglichst nicht wieder verlieren möchte.

Und dann sind da neue Menschen, die in ein Leben treten, das man längst zu kennen glaubte. Manche bringen eine andere Sicht auf die Dinge mit, andere wecken eine Neugier, von der man gar nicht wusste, dass sie auf etwas gewartet hat. Manchmal genügt eine Begegnung, um festzustellen, wie viele Möglichkeiten in einem vermeintlich eingerichteten Leben noch verborgen liegen. Wohin das führt, weiß man selten. Aber die eigene Gegenwart bekommt plötzlich wieder einen Zug nach vorn.

Es ist ein eigenartiger Augenblick, wenn ein Mensch, der sich über Jahrzehnte kennengelernt hat, plötzlich wieder Seiten an sich entdeckt, mit denen er nicht gerechnet hatte. Vielleicht waren sie lange unbeschäftigt, vielleicht entstehen sie tatsächlich erst jetzt, aus einer Verbindung von Erfahrung und neuer Leidenschaft, die es früher so noch gar nicht geben konnte.

Und während man noch versucht, diese unerwartete Begeisterung in das bisherige Bild der eigenen Person einzuordnen, hat sie längst begonnen, dieses Bild zu verändern.

 

Es gibt Menschen, die eine bemerkenswerte Zufriedenheit daraus beziehen, dass ihr Leben im Wesentlichen so geworden ist, wie sie es sich einmal vorgestellt haben. Sie haben einen Beruf gefunden, der ihnen entspricht, einen Ort, an dem sie bleiben möchten, und eine Ordnung, in der sie sich bewegen, ohne bei jeder Gelegenheit über deren Berechtigung nachdenken zu müssen. Ich habe solche Menschen gelegentlich beneidet, vor allem um die Selbstverständlichkeit, mit der sie von ihrer Zukunft sprechen.

Mir ist diese Selbstverständlichkeit nie recht gelungen.

Selbst in Zeiten, in denen es wenig Anlass gab, mit dem eigenen Leben unzufrieden zu sein, tauchten neue Interessen auf, gelegentlich mit einer Hartnäckigkeit, die den übrigen Verpflichtungen gegenüber einigermaßen unhöflich war. Ich konnte mich mit großer Ernsthaftigkeit einer Sache widmen und gleichzeitig eine andere entdecken, die plötzlich ebenso viel Aufmerksamkeit verlangte. Manchmal ließ sich beides miteinander vereinbaren. In anderen Fällen wurde aus der Begeisterung eine Entscheidung, deren Folgen ich erst später vollständig begriff.

Lange habe ich darin vor allem Neugier gesehen. Sie ist schließlich eine angenehme Eigenschaft, jedenfalls solange man selbst über sie verfügt. Bei anderen kann sie anstrengend werden. Wer ständig neue Möglichkeiten entdeckt, bringt gelegentlich auch die Menschen in Bewegung, die sich in der bisherigen Ordnung durchaus wohlgefühlt haben. Eine Idee, die für den einen nach Aufbruch klingt, kann für den anderen bedeuten, dass er schon wieder etwas verändern soll, das gestern noch vollkommen in Ordnung war.

Darüber spricht man seltener, wenn von persönlicher Entwicklung die Rede ist.

Es ist verführerisch, die eigene Begeisterung für einen ausreichenden Grund zu halten. Man sieht plötzlich Möglichkeiten, wo andere vor allem Schwierigkeiten erkennen, und empfindet deren Einwände leicht als Mangel an Vorstellungskraft. Mitunter stimmt das sogar. Häufig wissen die anderen allerdings etwas, das der Begeisterte gerade nicht besonders gern hören möchte. Sie kennen den Aufwand, die Folgen oder einfach die Mühe, die es kostet, einer neuen Idee im Alltag einen Platz zu verschaffen.

Auch der Formwandler kann seinen Mitmenschen einiges zumuten.

Wer viele Formen für sich beansprucht, kann leicht vergessen, dass andere sich auf bestimmte seiner Gestalten verlassen. Was für ihn eine neue Möglichkeit ist, bedeutet für sie unter Umständen den Verlust einer Verlässlichkeit, mit der sie fest gerechnet haben. Und nicht jede Veränderung wird schon dadurch gerechtfertigt, dass sie sich für denjenigen, der sie vollzieht, wahr anfühlt.

Allerdings wäre es ebenso sonderbar, aus Rücksicht auf die Erwartungen anderer ein Leben lang bei dem zu bleiben, was man einmal begonnen hat. Die Schwierigkeit liegt wohl darin, dass sich solche Fragen selten grundsätzlich entscheiden lassen. Man muss sie im Einzelnen beantworten, mit den Menschen, die davon betroffen sind, und mit einem gewissen Misstrauen gegenüber der eigenen Fähigkeit, gute Gründe für das zu finden, was man ohnehin gern tun möchte.

Es gibt noch einen anderen Verdacht, der sich nicht so leicht abweisen lässt.

Vielleicht sucht ein Mensch gelegentlich deshalb eine neue Gestalt, weil er es in der bisherigen mit sich selbst nicht mehr gut aushält. Eine neue Aufgabe besitzt den Vorzug, dass man sich zunächst mit ihr beschäftigen kann. Sie verlangt Aufmerksamkeit, schafft Dringlichkeit und lässt wenig Zeit für jene Fragen, die in ruhigeren Stunden auftauchen. Der Aufbruch kann dann eine erstaunlich elegante Art sein, einem Problem auszuweichen, das einen bei der nächsten Gelegenheit wieder einholen wird.

Eine neue Idee kann mich noch immer mit einer Geschwindigkeit einnehmen, die meinen eigenen Erfahrungen eigentlich widersprechen müsste. Ich beschäftige mich mit ihr, sehe bereits ihre Möglichkeiten und habe gelegentlich schon die ersten Entscheidungen im Kopf getroffen, während die vernünftigere Beschäftigung mit ihren Schwierigkeiten noch auf sich warten lässt. Früher habe ich diesem Zustand bereitwilliger vertraut. Heute bin ich vorsichtiger geworden, allerdings keineswegs so vorsichtig, dass ich mich darüber immer freuen würde.

Manchmal braucht eine Idee Zeit, bis man erkennt, ob sie etwas trägt. Gelegentlich verliert sie gerade durch zu langes Nachdenken jene Kraft, aus der überhaupt etwas hätte entstehen können. Eine brauchbare Regel, wann man einer Begeisterung folgen und wann man sie besser eine Weile unbeachtet lassen sollte, ist mir bislang nicht eingefallen. Wahrscheinlich hätte ich sie ohnehin schon mehrfach missachtet.

Ich möchte mir diese Neugier erhalten, auch wenn sie mich gelegentlich in Schwierigkeiten bringt. Sie hat mir über die Jahre einiges ermöglicht, manches gekostet und mich häufiger überrascht, als es einem Menschen lieb sein kann, der beruflich gern behauptet, die Folgen seiner Entscheidungen einigermaßen überblicken zu können.

Was mich eines Tages noch beschäftigen, begeistern oder aus meiner bisherigen Ordnung bringen wird, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ich habe inzwischen genügend Erfahrungen gesammelt, um darüber vernünftige Vermutungen anzustellen. Nur hat sich das Leben selten besonders beeindruckt von meinen Vermutungen gezeigt.

d.k.butler – Oktober 2026

 

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