Notizen aus dem dritten Viertel: Eternity - Ein Lied das 22 Jahre braucht
Im Jahr 2001 bekam ich "Eternity" von meiner ältesten Freundin.
Heute ist sie das, eine meiner tiefsten Freundschaften überhaupt. Damals hätte diese Bezeichnung einiges unterschlagen.
Unsere Geschichte hatte viele Jahre vorher in einer Ballettschule begonnen. Ich war achtzehn oder neunzehn, sie ein paar Jahre jünger. An die Spiegel erinnere ich mich, an die Stangen an der Wand, an dieses eigentümliche Gemisch aus Disziplin und Eitelkeit, das zu solchen Räumen gehört. Beim Rest traue ich meinem Gedächtnis weniger. Es bewahrt Stimmungen zuverlässiger auf als Daten.
Irgendwann verloren wir uns aus den Augen. Sie lebte später in München. Als wir uns nach langer Zeit wiederbegegneten, war meine älteste Tochter gerade geboren und unser beider Leben längst woanders angekommen.
Für einen Sommer störte uns das nicht.
Am Ende ging ich.
Von ihr kam "Eternity".
Dass ausgerechnet die Frau, die mir ein Lied zum Abschied schickte, später zu den Menschen gehören würde, die tatsächlich blieben, wussten wir damals beide nicht. Unsere Freundschaft hält inzwischen seit mehr als drei Jahrzehnten. Über das Wort „hält“ würde sie vermutlich weniger diskutieren als über „ausgehalten“, das ich zuerst geschrieben hatte.
So gut kenne ich sie inzwischen.
Vom Lied blieb mir eine Zeile.
"You were there for summer dreaming."
Ich nahm sie mit und machte im Laufe der Jahre etwas Eigenes daraus. Die Zeile kam nach Reisen zurück, nach Menschen, gelegentlich nach ein paar Wochen, in denen das Leben über seine gewöhnlichen Verhältnisse gelebt hatte. Danach wurde es wieder normal, und irgendwo dabei fiel mir dieser Satz ein. Manchmal sang ich ihn.
Mit dem übrigen Lied beschäftigte ich mich einfach nicht.
Ich wusste nicht einmal, ob meine fünf Wörter noch besonders viel mit dem zu tun hatten, was mir 2001 geschickt worden war. Es interessierte mich offenbar auch nicht genug, um in all den Jahren nachzusehen.
Das ist im Rückblick nicht ganz ohne Komik.
Aus dem Abschied eines anderen Menschen hatte ich mir genau die Stelle ausgesucht, die sich für meine eigene Erinnerung am besten gebrauchen ließ.
Erinnerung besitzt ihre eigene Form von Egoismus.
Meine älteste Freundin kennt diesen Egoismus. Meine Verschlossenheit kennt sie noch besser.
Ich habe eine gewisse Begabung, Dinge mit mir selbst auszumachen. In meinem Kopf können Gespräche erstaunlich weit kommen. Ich prüfe Einwände, verwerfe Antworten, komme irgendwann zu einem Ergebnis und halte die Angelegenheit für weitgehend geklärt. Dass der Mensch, den sie ebenfalls betrifft, von diesem ganzen Vorgang nichts mitbekommen hat, erscheint mir gelegentlich erst später als Schwäche des eigenen Verfahrens.
Sie kennt das seit Jahren und ließ mich damit selten ungeschoren davonkommen. Sie fragte weiter, wenn ich längst glaubte, genug gesagt zu haben. Nicht ständig. Sie wusste nur ziemlich genau, an welchen Stellen ich gern die Tür zumachte.
Vor einiger Zeit habe ich wieder angefangen zu schreiben. Zuerst einzelne Gedanken, später längere Texte. Sie gehörte zu denen, die mich darin bestärkten. Für sie dürfte es eine gewisse Genugtuung haben, dass der Mann, der vieles lieber mit sich selbst klärte, inzwischen öffentlich Essays darüber schreibt.
Man könnte darin einen Fortschritt sehen.
Vor ein paar Tagen bekam ich von der Frau, die mir gerade sehr nahe ist, eine etwas nüchternere Bestandsaufnahme. Ich würde zu wenig fragen, mich zu wenig beteiligen, nicht reden, nichts erzählen.
Mein erster Impuls war Widerspruch. Ich rede schließlich ziemlich viel.
Nur hatte sie etwas anderes gemeint.
Man kann einem Menschen eine Menge erzählen und dabei erstaunlich wenig von sich mitteilen. Ich kann ausführlich über Arbeit sprechen, über Kinder, über das, was an einem Tag passiert ist. Selbst über Gefühle lässt sich ziemlich klug reden, solange sie gerade Gegenstand eines Gesprächs sind.
Schwieriger wird es, wenn jemand wissen möchte, was in diesem Augenblick in mir vorgeht.
Dann bin ich manchmal wieder erstaunlich nah bei dem Mann, den meine älteste Freundin seit Jahrzehnten kennt.
Das wäre für sich genommen nicht besonders bemerkenswert. Unangenehm wird es durch eine andere Seite an mir: Ich merke ziemlich schnell, wenn der Mensch gegenüber weniger erzählt, weniger fragt oder sich ein Stück zurücknimmt. Dort bin ich plötzlich aufmerksam.
Offenbar wünsche ich mir gelegentlich eine Offenheit, die ich selbst nur portionsweise liefere.
Diesen Widerspruch bekomme ich noch nicht ganz zusammen.
Dass ich ihn inzwischen aufschreiben kann, ist immerhin etwas.
Oder auch nur meine aufwendigste Methode, ein Gespräch zunächst allein zu führen.
Fünfzehn Jahre Ehe. Zehn davon waren wir ein Paar.
Die anderen fünf sind schwerer zu benennen. Getrennt, aber noch verheiratet. Eltern sowieso. Man lebt nicht mehr miteinander und bleibt doch mit Dingen beschäftigt, die nur deshalb da sind, weil man einmal miteinander gelebt hat.
Ich hatte nicht gewusst, dass auch eine Trennung so lange dauern kann.
Fünf Jahre sind viel Zeit für etwas, das eigentlich vorbei ist. Die Kinder leben weiter in beiden Welten. Entscheidungen müssen getroffen werden, manches wird sachlicher, anderes gerade nicht. Und irgendwo dazwischen versucht jeder, sein eigenes Leben wiederzufinden.
Meine Frau würde diese Jahre anders erzählen. Davon gehe ich aus. Es wäre merkwürdig, wenn zwei Menschen nach einer langen Ehe dieselbe Geschichte übrig hätten.
Mich interessiert hier ohnehin nur, was bei mir geblieben ist.
Schon während unserer Beziehung gab es eine Unruhe, für die ich damals kein Wort hatte. Sie zeigte sich selten bei den großen Dingen. Ich konnte arbeiten, entscheiden, Verantwortung übernehmen. Das kann ich bis heute ziemlich gut.
Schwieriger wurde es bei einer Nachricht, die nicht kam. Bei einem Tonfall, der anders war. Ein Abend konnte sich entfernt anfühlen, und plötzlich beschäftigte mich nicht mehr der Abend.
Ich konnte aus wenig ziemlich viel machen.
Lange hielt ich dieses genaue Hinhören für Sensibilität. An guten Tagen nannte ich es Intuition. Beides gefiel mir besser als die Möglichkeit, schlicht unsicher zu sein.
Heute benutze ich dafür ein Wort, das ein wenig nach Sitzplatzreservierung klingt:
Emotionale Platzsicherheit.
Ich habe nach einem schöneren gesucht und keines gefunden. Wahrscheinlich sollte ich es dabei belassen.
Denn es geht tatsächlich um einen Platz.
Ich muss nicht dauernd mit einem Menschen sprechen, um mich ihm nah zu fühlen. Das wäre ausgerechnet bei mir eine absurde Voraussetzung. Rückrufe verschwinden, Nachrichten bleiben liegen, ich gerate in Arbeit oder in einen Tag mit den Kindern und bemerke manchmal erst spät, dass jemand auf eine Antwort wartet.
Die Verbindung ist für mich in solchen Momenten trotzdem da.
Wenn ich weiß, wo ich stehe.
Weiß ich es nicht, verändert sich etwas. Dann bekommt eine verspätete Nachricht eine Nebenbedeutung. Ein Treffen soll plötzlich etwas bestätigen, wofür es gar nicht zuständig ist. Man hört einem Schweigen zu, als hätte es etwas gesagt.
Ich kenne diesen Mann inzwischen.
Besonders sympathisch ist er mir nicht.
Vor einiger Zeit habe ich für meinen Instagram-Kanal einen Satz gefunden:
"Nicht angepasst. Mir gemäß.", oder kurz "Mir gemäß"
Inzwischen benutzen ihn andere.
„Dir gemäß“, sagen Menschen um mich herum. Manchmal gefällt ihnen ein Jackett, ein Ort oder irgendeine Entscheidung, bei der sie finden, dass sie zu mir passt.
Man kann dieselben zwei Wörter allerdings auch anders betonen.
Dann war ich wieder eigensinnig. Habe etwas getan, das jemand nicht versteht. Bin möglicherweise schwierig gewesen.
"Dir gemäß."
Ich höre den Unterschied.
Dass ein Satz den eigenen Instagram-Kanal verlässt und irgendwann von anderen zurückkommt, gefällt mir. Man besitzt ihn dann nicht mehr vollständig. Und manchmal erfährt man auf diesem Umweg etwas über sich, das im ursprünglichen Entwurf gar nicht vorgesehen war.
Ausgerechnet in Beziehungen gelingt mir dieses Mir-gemäß-Sein nicht immer besonders gut.
Wenn mein Platz unsicher wird, wandert meine Aufmerksamkeit. Ich beobachte genauer, warte auf Reaktionen, deute. Für eine Weile kann eine kleine Bewegung auf der anderen Seite erstaunlich viel mit meiner eigenen Ruhe anstellen.
Das passt nicht besonders gut zu meinem Satz.
Zu mir leider schon.
Vielleicht brauche ich "Mir" gemäß gerade deshalb noch.
Fünfzehn Jahre Ehe haben diese Unruhe nicht beseitigt. Zehn Jahre Beziehung nicht, fünf Jahre Trennung schon gar nicht. Zeit allein hat an dieser Stelle wenig ausgerichtet.
Wenn ich meinen Platz kenne, sieht die Sache anders aus. Dann kann eine Nachricht bis morgen liegen. Ein schlechter Tag gehört dem anderen und muss nicht sofort etwas über uns erzählen. Auch Abstand bleibt zunächst einfach Abstand.
Die kleinen Dinge bekommen ihre richtige Größe zurück.
Das ist ziemlich genau das, was ich mit emotionaler Platzsicherheit meine.
Kein Zustand, in dem nichts mehr passieren kann. Dafür habe ich lange genug gelebt.
Nur ein Platz, den ich nicht jeden Morgen neu suchen muss.
Vielleicht ist "Mir gemäß" am Ende auch deshalb bei mir geblieben.
Ich brauche den Satz vor allem in den Momenten, in denen mir ein anderer Mensch wichtig genug geworden ist, dass ich Gefahr laufe, mich selbst darüber ein wenig aus den Augen zu verlieren.
Es gab noch einen anderen Satz, den ich lange für ziemlich gelungen hielt:
"Die Idee von der Frau, wie sie sein könnte."
Ich war ungefähr dreißig, als er entstand. Natürlich bezog er sich auf einen wirklichen Menschen. Ideen über Frauen haben diese lästige Angewohnheit.
Wir kannten uns lange. Zwischen uns gab es eine geistige Nähe, die erstaunlich wenig darunter litt, dass unsere tatsächlichen Leben meistens woanders stattfanden. Nach längerer Zeit konnte ein Gespräch an einer Stelle weitergehen, die uns beiden noch vertraut war. Das fühlte sich besonders an.
Ein gemeinsames Leben wurde daraus nie.
Möglicherweise hat genau das dem Satz geholfen.
Eine nicht gelebte Möglichkeit muss morgens nicht aufstehen. Sie kennt keinen Elternabend, keine Müdigkeit nach einem langen Tag und keinen Dienstag, an dem beide schlechte Laune haben. Sie kann ziemlich lange so bleiben, wie man sie sich zurechtgelegt hat.
Der wirkliche Mensch dahinter war natürlich nicht stehen geblieben. Er hatte sein eigenes Leben, traf Entscheidungen, veränderte sich. Nur meine Vorstellung musste mit all dem nicht unbedingt Schritt halten.
Ich fand daran lange nichts Beunruhigendes.
Es war sogar angenehm, irgendwo in mir eine Vorstellung davon zu haben, wie eine Frau sein könnte, mit der vieles selbstverständlich wäre. Dass diese Vorstellung über die Jahre das Gesicht eines konkreten Menschen trug, erschien mir eher romantisch als problematisch.
Heute sehe ich das etwas nüchterner.
Zu Beginn des Sommers schrieb ich dieser Frau einen Satz, den ich selbst erst später verstanden habe:
Ich habe dich bei mir freigegeben.
Ich weiß noch, dass ich an dem Wort hängen blieb.
Freigegeben.
Es klang, als hätte ich irgendwo eine Akte geführt, von deren Existenz sie nichts wusste. Ganz abwegig war das vermutlich nicht.
Beim Schreiben wusste ich nicht genau, was ich damit meinte. Der Satz war einfach da.
Loslassen wäre ein anderes Wort gewesen. Auch ein größeres. Es hätte so getan, als müsste ein Mensch aus meinem Leben verschwinden, damit sich etwas verändert. Dafür gab es keinen Grund.
Sie war nicht das Problem.
Eher die Stelle, an die ich sie über Jahre gesetzt hatte.
Sie war irgendwann mehr gewesen als ein Mensch, der mir viel bedeutete. Sie war Maßstab geworden.
Das klingt zunächst nach einem Kompliment.
Ich bin mir inzwischen nicht mehr sicher, ob es eines ist.
Ein Maßstab wird an andere angelegt. Und plötzlich geraten Menschen, die von dieser ganzen Geschichte nichts wissen, in einen Vergleich, zu dem sie nie angetreten sind.
Vielleicht hatte ich mit meinem merkwürdigen Wort genau das freigegeben.
Nicht sie.
Ihre Funktion in meiner Vorstellung.
Der Gedanke gefällt mir besser als jede große Geschichte vom Loslassen. Er ist auch näher an dem, was tatsächlich passiert ist. Niemand wurde ausradiert. Keine Vergangenheit musste neu bewertet werden.
Nur der alte Satz hatte plötzlich kein festes Gesicht mehr.
Und erstaunlicherweise fehlte danach nichts.
Das Erstaunliche an diesem Sommer war zunächst, dass nichts geschah.
Kein großes Gefühl von Befreiung. Keine Leerstelle, die dringend gefüllt werden wollte. Ich ging meiner Arbeit nach, kümmerte mich um die Kinder, fuhr herum, lebte mein Leben.
Der alte Satz war noch da.
Nur ohne Gesicht.
Das war ungewohnt und, wenn ich ehrlich bin, ziemlich angenehm.
Eine Vorstellung kann einen lange begleiten, ohne dass man merkt, wie viel Raum sie einnimmt. Erst wenn sie sich löst, fällt auf, dass man bestimmte Vergleiche nicht mehr anstellt.
Ich hatte keinen Plan für diesen freien Raum.
Das ist bei mir erwähnenswert.
Normalerweise fällt mir zu freien Räumen schnell etwas ein.
Dann kam eine Begegnung, mit der ich nicht gerechnet hatte.
Nicht gesucht, nicht vorbereitet, in keinem meiner inneren Entwürfe vorgesehen.
Ich bemerkte zunächst nur Vertrautheit.
Eine Art zu denken, die mir an manchen Stellen überraschend nah war. Eigenständigkeit. Ein Gespräch, bei dem ich weniger übersetzen musste, als ich es gewohnt war.
Natürlich begann mein Kopf irgendwann trotzdem mit seiner Arbeit.
Er kann das.
Man erkennt etwas wieder und hält Wiedererkennen schnell für Wissen. Plötzlich glaubt man, einen Menschen schon ein wenig zu kennen, obwohl man in Wahrheit gerade erst begonnen hat, ihm zuzuhören.
Ich habe in dieser Zeit einen Satz gesagt, der mir inzwischen interessanter erscheint als damals.
Sie komme der Idee von der Frau, wie sie sein sollte, ziemlich nahe.
Ich meinte das als großes Kompliment.
Und ich meine noch immer, was darin an Bewunderung lag.
Nur das sollte stört mich inzwischen.
Es setzt einen Maßstab voraus, obwohl ich den gerade erst freigegeben hatte.
Das ist beinahe komisch.
Man räumt eine Vorstellung aus dem Weg und beginnt kurz darauf, den nächsten wirklichen Menschen daran zu messen.
So schnell arbeitet Gewohnheit.
Dabei liegt der interessante Teil gerade dort, wo sie der Idee nicht entspricht.
Ein wirklicher Mensch kommt mit einer eigenen Geschichte. Seine Entscheidungen warten nicht auf die eigenen, seine Geschwindigkeit kann eine andere sein, und manches an ihm passt schlicht nicht in die Vorstellung, die man vorher hatte.
Das kann eine Idee nicht.
Sie ist ausgesprochen pflegeleicht.
Die Frau, die mir begegnet ist, ist es nicht immer.
Ich vermutlich noch weniger.
Das gefällt mir.
Denn je länger ich darüber nachdenke, desto weniger interessiert mich inzwischen die Idee von der Frau, wie sie sein könnte.
Mich interessiert die Frau, wie sie ist.
Ungefähr zu dieser Zeit begann ich, Eternity weiterzuhören.
Das Lied war nie weg gewesen. Ich hatte nur zweiundzwanzig Jahre lang keinen besonderen Grund gesehen, über meine fünf Wörter hinauszugehen.
"You were there for summer dreaming."
Sie hatten ihren Zweck erfüllt. Nur mit der Gegenwart funktionierten sie plötzlich nicht mehr so gut.
Es gab noch nichts, worauf ich zurückblicken wollte. Da war ein Mensch, mit dem gewöhnliche Dinge eine überraschende Selbstverständlichkeit bekamen. Ein gemeinsamer Abend, Kinder irgendwo in der Nähe, Essen auf dem Tisch. Nichts davon war besonders spektakulär. Es blieb trotzdem hängen.
Mein Kopf kann aus solchen Abenden ziemlich schnell eine Machbarkeitsstudie machen.
Entfernungen lassen sich rechnen, Kalender auch. Kinder haben Schulen, Erwachsene Arbeit und zwei längst eingerichtete Leben ihre eigenen Beharrungskräfte. Während andere vielleicht erst einmal schauen, was geschieht, habe ich innerlich bereits Varianten geprüft und für Schwierigkeiten Lösungen gefunden.
Beruflich ist das nützlich. Man bezahlt mich sogar dafür.
Privat funktioniert es deutlich schlechter.
Ganz am Anfang hatten wir uns manchmal einen Satz geschrieben:
Mein rechter, rechter Platz ist frei.
Ich hatte lange nicht mehr an ihn gedacht.
Ein Satz aus einem Kinderspiel. Wir schickten ihn hin und her, ohne anschließend über Bindung zu sprechen. Man wusste, wer gemeint war, und beließ es dabei.
Heute gefällt mir die Beiläufigkeit daran.
Ein Platz war frei und jemand darin vorstellbar. Offenbar konnte ich das einmal sagen, ohne sofort die Statik des ganzen Hauses berechnen zu wollen.
Später habe ich dafür das sperrige Wort emotionale Platzsicherheit gefunden und ziemlich viele Gedanken gebraucht, um zu verstehen, was ich damit eigentlich meine.
Der Kindersatz war schneller.
Auf meiner Seite kann ich tatsächlich einiges tun. Ich kann in meinem Leben Raum lassen und Zeit haben. Ich kann versuchen, einen Menschen hineinzulassen, ohne vorher jede Konsequenz zu kennen. Das Aussprechen übe ich noch.
Mehr liegt irgendwann nicht bei mir.
Das ist die Stelle, an der mein gewohntes Verfahren versagt. Ein Gespräch lässt sich führen, Nähe kann entstehen, ein Abend kann schön sein. Daraus folgt nichts, das ich anschließend organisieren könnte.
Ich weiß das.
Mein Kopf sucht trotzdem gelegentlich nach der zuständigen Abteilung.
Darin liegt für mich die eigentliche Herausforderung dieser Begegnung. Vieles fühlt sich erstaunlich leicht an, und ausgerechnet dort, wo ich am liebsten Gewissheit hätte, hilft mir keine meiner üblichen Fähigkeiten.
Der alte Kindersatz gefällt mir deshalb wieder.
Mein rechter, rechter Platz ist frei.
Der Rest des Satzes gehört schon nicht mehr mir.
Ich möchte gewählt werden.
Der Satz ist mir beinahe unangenehm in seiner Schlichtheit. Nach all den Jahren, Beziehungen, Kindern und den ziemlich ausgefeilten Erklärungen, die ich inzwischen für mich selbst gefunden habe, bleibt ausgerechnet so etwas übrig.
Ich möchte wissen, wo mein Platz ist, ohne ihn jeden Morgen neu bestimmen zu müssen.
Wenn ich ihn kenne, kann ich mit Entfernung ziemlich gut umgehen. Ein Mensch darf seinen Tag haben, schweigen, mit anderen Dingen beschäftigt sein. Ich brauche keine fortlaufende Versicherung darüber, dass seit gestern noch alles stimmt.
Fehlt diese Gewissheit, kenne ich mich ebenfalls.
Dann fange ich an zu zählen, obwohl ich Zahlen an dieser Stelle verachte. Wer hat sich zuletzt gemeldet, wie lange liegt eine Nachricht, von wem kam der letzte Vorschlag. Ausgerechnet ich, der selbst Nachrichten liegen lässt und Rückrufe vergisst, kann darin plötzlich eine erstaunliche Genauigkeit entwickeln.
Besonders würdevoll ist das nicht.
Es wäre allerdings noch alberner, mir eine Gelassenheit anzudichten, die ich nicht immer habe.
Emotionale Platzsicherheit bleibt für mich unverrückbar.
Ich mag dieses Wort an dieser Stelle. Es meint keine Garantie und auch keinen Anspruch darauf, dass ein Mensch bleiben muss. Nach allem, was ich erlebt habe, wäre eine solche Vorstellung ohnehin sonderbar.
Es geht um die Zeit davor.
Solange zwei Menschen miteinander sind, möchte ich nicht aus ihrem täglichen Verhalten rekonstruieren müssen, ob ich noch dazugehöre.
Das brauche ich.
Und ausgerechnet diese Sicherheit lässt sich nicht auf meiner Seite produzieren.
Lange hätte mich allein dieser Umstand vermutlich dazu gebracht, noch genauer hinzusehen und mehr zu tun. Inzwischen bemerke ich wenigstens, wann das beginnt.
Mal früher, mal später.
Es geht um einen Menschen, der für mich besonders geworden ist. Damit bekommt meine Ungeduld ein anderes Gewicht, aber kein zusätzliches Recht.
Das musste ich lernen.
Ich kann viel empfinden und trotzdem nicht bestimmen, was mein Gefühl auf der anderen Seite bedeutet. Nähe ist auch kein Vorschuss, der irgendwann zurückgezahlt werden müsste. Sobald ich so zu denken beginne, stimmt etwas nicht mehr.
Was ich tun kann, ist weniger spektakulär.
Mich zeigen.
Das gelingt mir, wie wir inzwischen wissen, nicht immer im ersten Versuch.
Da ist ein Mann mit einer ziemlich langen Geschichte, mit Kindern und Hunden, mit Arbeit, die viel Raum einnimmt, und diesem etwas lästigen Bedürfnis nach einem sicheren Platz. Einer, der gern vorausdenkt und dabei gelegentlich vergisst, dass ein anderer Mensch noch gar nicht dort angekommen sein muss.
Mehr möchte ich daraus nicht machen.
Das Angebot ist nicht vollkommen. Aber vollständig.
Was daraus wird, entzieht sich meiner Planung.
Allein das auszuhalten beschäftigt mich genug.
Es gibt Plätze in meinem Leben, über die ich fast nie nachdenke.
Heute Morgen stand eine meiner Töchter in der Küche und suchte etwas, das selbstverständlich ich verlegt haben sollte. Solche Situationen haben den Vorteil klarer Verhältnisse.
Ich bin ihr Vater.
Meine Kinder sollen nicht herausfinden müssen, ob sie in mein Leben gehören. Ich möchte, dass diese Frage für sie gar nicht erst entsteht.
Gerade wenn Kinder an verschiedenen Orten leben, wird Zugehörigkeit erstaunlich gegenständlich. Da ist ein eigenes Bett, Kleidung bleibt im Schrank, auf irgendeinem Regal liegt Kleinkram, den Erwachsene gern wegräumen würden. Nach ein paar Tagen kommt man zurück und findet alles wieder vor.
Auch den eigenen Platz.
Ein Kind, das regelmäßig an einen Ort zurückkehrt, wird dort nicht untergebracht. Es wohnt dort, selbst wenn es gerade in einem anderen Bett schläft.
Ich mag diese Selbstverständlichkeit.
Bei meinen Hunden ist sie noch unmittelbarer.
Ein Herdenschutzhund kann fünfzig Meter entfernt im Gras liegen und mir den Rücken zudrehen. Wer solche Hunde nicht kennt, hält das möglicherweise für Desinteresse. Tatsächlich weiß er ziemlich genau, wo ich bin.
Gelegentlich hebt er den Kopf.
Das reicht.
Dann liegt er wieder da.
Diese Art von Nähe verstehe ich gut. Keiner muss dauernd überprüfen, ob die Verbindung noch besteht. Entfernung ist zunächst nur Entfernung.
Bei meinen Kindern und Tieren ist diese Gewissheit auf sehr verschiedene Weise gewachsen. Bei den Kindern begann sie mit ihrer Geburt. Bei den Hunden mit der Verantwortung, die ich übernommen habe. Danach kamen Jahre und Alltag, viel Unspektakuläres, das sich irgendwann nicht mehr nach Bindungsarbeit anfühlt, sondern einfach nach Leben.
Natürlich verändert sich mein Platz darin.
Meine Töchter werden größer. Sie schließen heute schon Türen, irgendwann werden es die Türen eigener Wohnungen sein. Ich werde mich daran gewöhnen müssen, dass weniger Anwesenheit nichts über die Bedeutung des Platzes sagt.
Die Hunde machen daraus weniger Umstände.
Wenn es in den frei gewählten Beziehungen meines Lebens unruhig wird, merke ich, wie sehr mich diese sicheren Bindungen erden. Dort muss ich nicht nach Zeichen suchen. Ich weiß, wer ich bin und wohin ich gehöre.
Das beantwortet die andere Frage nicht.
Ein erwachsener Mensch, der sich frei für einen entscheidet, gehört in eine andere Ordnung. Genau deshalb lässt sich dieser Platz weder aus Verantwortung ableiten noch durch genügend gemeinsame Zeit erzwingen.
Das weiß ich inzwischen.
Im Alltag muss ich es mir gelegentlich noch einmal erklären.
Mit Machtlosigkeit kann ich schlecht umgehen.
Das ist keine neue Erkenntnis. Wer mich beruflich kennt, dürfte darüber kaum überrascht sein. Ich bin daran gewöhnt, dass man sich eine schwierige Lage ansieht und irgendwann anfängt, etwas damit zu machen. Mich interessieren die Stellen, an denen es weitergehen kann. Wahrscheinlich habe ich deshalb Berufe und Aufgaben gesucht, in denen genau das von mir erwartet wird.
Manchmal funktioniert diese Art zu denken auch privat. Vieles wird tatsächlich leichter, wenn Menschen miteinander reden. Ein Missverständnis muss nicht wochenlang herumliegen, nur weil beide zu stolz sind, den ersten Satz zu sagen. Und wer nie zeigt, was in ihm vorgeht, darf sich nicht allzu sehr darüber wundern, wenn andere es nicht erraten.
So weit komme ich gut mit.
Schwieriger wird es dort, wo Reden nichts mehr herstellen kann.
Ich kann einem Menschen erklären, was ich empfinde. Ich kann mich verständlicher machen, als ich es vielleicht früher getan hätte. Ich kann Nähe zulassen und aufhören, jedes unangenehme Gefühl sofort mit mir selbst auszuhandeln.
Danach kann trotzdem etwas offenbleiben.
Genau an dieser Stelle fängt mein Kopf gern noch einmal von vorne an.
War ich deutlich genug? Habe ich etwas übersehen? Wäre ein anderes Gespräch besser gewesen? Braucht es einfach mehr Zeit?
Das sind vernünftige Fragen.
Sie haben nur die unangenehme Eigenschaft, dass man mit ihnen sehr lange beschäftigt sein kann, ohne der Antwort einen Zentimeter näher zukommen.
Bei einem Menschen, der mir wichtig geworden ist, merke ich diese Grenze besonders deutlich. Ich sehe Möglichkeiten schnell. Manchmal sehe ich sie vermutlich schon, während der andere noch gar nicht darüber nachdenkt, ob er überhaupt welche sehen möchte.
Dann wird aus einer guten Eigenschaft etwas, das ich im Auge behalten muss.
Ich kann Fürsorge organisieren.
Gefühl nicht.
Das fällt mir schwerer, als ich gern zugeben würde.
Vielleicht habe ich deshalb über Jahre so wenig Schwierigkeiten mit meiner einen Zeile aus "Eternity" gehabt.
"You were there for summer dreaming."
Dort war alles bereits geschehen.
Der Sommer lag hinter einem. Man konnte ihn erinnern, schöner machen, als er gewesen war, ein Lied darüberlegen und sich anschließend wieder anderen Dingen zuwenden.
Gegenwart lässt sich so schlecht behandeln.
Sie verändert sich noch, während man versucht, sie zu verstehen. Und manchmal ist der Versuch, sie zu früh zu verstehen, bereits ein Eingriff in etwas, das noch gar keine Form haben muss.
Das weiß ich inzwischen.
An manchen Tagen gelingt es mir sogar, mich daran zu halten.
An anderen erwische ich mich wieder dabei, wie ich innerlich schon Möbel stelle.
Mit "Eternity" hatte ich etwas anderes vor.
Ich hatte das Lied herausgesucht, weil ich darüber schreiben wollte. Die Geschichte von 2001 war da, natürlich auch "summer dreaming." Ein erster Entwurf entstand ziemlich schnell. Meine älteste Freundin hat ihn gelesen.
Er war kürzer.
Und harmloser.
Ich dachte, ich würde über ein altes Lied schreiben.
Irgendwann war ich bei meiner Ehe angekommen, später bei einem Satz, den ich zu Beginn dieses Sommers geschrieben hatte. Dann standen plötzlich Kinderzimmer in dem Text und ein Herdenschutzhund lag irgendwo im Gras.
So war das nicht geplant.
Das kommt bei mir selten vor.
Normalerweise weiß ich ganz gern, wohin etwas führt, bevor ich mich länger damit beschäftige. Dieser Text hat sich daran nicht gehalten.
Zweiundzwanzig Jahre lang hatte ich mit fünf Wörtern schließlich genau das Gegenteil gemacht.
"You were there for summer dreaming." Ich wusste immer, wo sie hingehörten.
Nach einem Sommer. Nach einer Zeit. Gelegentlich nach einem Menschen.
Dort waren sie gut aufgehoben. Diesmal nicht.
Es gibt noch nichts, das ich ordentlich in eine Erinnerung legen möchte.
Mein Leben ist voll. Kinder, Hunde, Arbeit, Freunde, dieses Haus. An manchen Tagen steht ohnehin mehr darin herum, als ich vernünftig untergebracht bekomme.
Und trotzdem ist da Platz.
Das ist eigentlich keine neue Erkenntnis. Wir hatten dafür schon ziemlich früh einen Satz.
"Mein rechter, rechter Platz ist frei."
Damals war der leicht.
Vielleicht fehlt mir gerade etwas von dieser Leichtigkeit. Vielleicht kommt diese Leichtigkeit nie wieder zurück.
Wir konnten ihn uns schreiben, ohne anschließend festzulegen, was er bedeutete. Und trotzdem war ziemlich klar, dass damit nicht irgendein Platz gemeint war und auch nicht irgendein Mensch.
Das gefiel mir.
Es gefällt mir noch.
Inzwischen habe ich ziemlich viele Gedanken darum gebaut. Über Sicherheit, Freiheit, Richtung. Gelegentlich wahrscheinlich mehr, als diesem kleinen Satz guttut.
Dabei kenne ich auch die andere Seite.
Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn dieser Platz für eine Weile nicht frei ist. Wenn jemand dort sitzt und man überhaupt nicht darüber nachdenkt.
Das waren bisher die besten Momente dieses Sommers.
Vielleicht sollte ich mich daran häufiger erinnern, bevor ich wieder anfange, die Hausordnung zu schreiben.
Denn viel mehr lässt sich an einem freien Platz ohnehin nicht herrichten.
Man kann ihn nicht überzeugender machen, indem man ständig die Kissen aufschüttelt.
Irgendwann muss man die Hände davon lassen.
Das fällt mir schwer.
Der Platz ist trotzdem noch da.
Und ganz leer fühlt er sich nicht an.