Notizen aus dem dritten Viertel: Annie - Smooth Criminal
Über Smooth Criminal, fünfunddreißig Jahre und eine Frau, die wir vielleicht übersehen haben.
Ich war zwanzig und trug einen grauen Anzug.
Dazu einen Hut, was heute erklärungsbedürftiger aussieht als damals.
Smooth Criminal gehörte einige Jahre zu den Liedern, die ich nicht einfach hörte. Ich tanzte es. Mit meiner Tanzgruppe, nach einer Choreografie, die sich eng an Michael Jackson hielt und die wir so oft geprobt hatten, dass irgendwann niemand mehr darüber nachdenken musste, was nach dem nächsten Takt kam.
Wir verbrachten damals sehr viel Zeit miteinander. Proben, Auftritte, Fahrten, Nächte und dieses ganze Zeug dazwischen, das in keiner Chronik steht und dreißig Jahre später trotzdem zuerst wieder da ist. Jeder hatte seinen Platz, nicht nur in der Choreografie. Es gab diejenigen, die wussten, wann wirklich angefangen werden musste. Andere wussten zuverlässig, wann eine Pause dringend erforderlich war. Jemand war müde, jemand zu spät, jemand wollte die Stelle noch einmal. Einer wusste es besser, einer machte einen Witz, obwohl gerade keiner gebraucht wurde.
Am nächsten Abend standen wir wieder da.
Für mich waren diese Menschen Familie. Nicht „wie Familie“. Familie.
Das sage ich heute vorsichtiger als damals, weil fast dreißig Jahre dazwischenliegen und jeder in dieser Zeit ein Leben geführt hat, von dem die anderen über lange Strecken wenig oder nichts wussten.
Aber damals war es so.
Die Musik setzte ein, der Körper wusste Bescheid.
Irgendwann hörte es auf. Ohne Abschied, jedenfalls ohne einen, an den ich mich erinnern könnte. Es gab keine letzte Aufführung, bei der wir anschließend zusammensaßen und wussten: Das war es jetzt.
Man tanzt ein Stück irgendwann zum letzten Mal und erfährt erst Jahre später davon.
Mit Menschen kann etwas Ähnliches passieren.
Wir hatten uns beinahe täglich gesehen. Dann wurden die Abstände größer, andere Dinge kamen dazwischen, und irgendwann hatte ich die meisten fast dreißig Jahre nicht gesehen. Auch darüber gab es keinen Beschluss.
Das Leben bekam andere Choreografien.
Smooth Criminal blieb.
Und jetzt trainieren wir wieder.
Mitte Oktober werden wir auf einer Bühne stehen und unsere damalige Choreografie tanzen, fünfunddreißig Jahre später.
Beim Wiedersehen hätte ich erwartet, dass zunächst diese dreißig Jahre im Raum stehen. Taten sie auch, nur erstaunlich kurz. Irgendwann musste geklärt werden, wer wo steht. Eine Stelle funktionierte nicht, jemand war müde, jemand wollte sie trotzdem noch einmal machen. Ein anderer hatte eine Erinnerung an den Ablauf, die mit der Erinnerung des Menschen daneben überhaupt nicht übereinstimmte.
Und plötzlich waren da diese Rollen wieder. Nicht identisch, wir sind schließlich keine zwanzig mehr, aber vertraut. So vertraut, dass es fast ein wenig unheimlich ist.
Man erkennt einen Menschen wieder und gleichzeitig die Art, wie man selbst neben diesem Menschen einmal gewesen ist.
Das hatte ich nicht erwartet.
Noch erstaunlicher war, was der Körper behalten hatte. Manche Bewegung musste gesucht werden, eine andere kam zurück, bevor ich wusste, dass ich mich an sie erinnerte. Der Fuß setzte auf, eine Schulter drehte sich, eine Hand fand ihren Weg.
Fünfunddreißig Jahre sind für einen Kopf eine lange Zeit. Der Körper scheint darüber eigene Ansichten zu haben.
Offenbar gilt das nicht nur für Körper. Vielleicht besitzen auch Gruppen ein Gedächtnis. Nicht unbedingt für Daten; wir bekommen erstaunlich unterschiedliche Antworten darauf, wie etwas damals genau gewesen sein soll. Aber für Nähe, für Rollen, für diesen Ton, den Menschen miteinander haben, wenn sie sich lange genug gekannt haben.
Man kann dreißig Jahre lang keine Alltagsfamilie mehr sein und trotzdem nach erstaunlich kurzer Zeit etwas wiedererkennen, das tiefer liegt als Alltag.
Das finde ich schwer zu erklären und möchte es inzwischen auch nicht mehr zu gründlich versuchen.
Es ist einfach da.
Die Müdigkeit nach einer Probe fühlt sich anders an als früher, aber die Menschen, mit denen man darüber lacht, erstaunlich vertraut. Manchmal geschieht etwas, das überhaupt nicht neu vereinbart wurde. Jemand übernimmt wieder eine Rolle, ein anderer reagiert darauf wie damals, und für einen Moment scheint niemand zu bemerken, dass da fast dreißig Jahre fehlen.
Ich kannte Smooth Criminal gut.
Dachte ich.
Ich kannte die Einsätze und Pausen, den Rhythmus, die Stellen, an denen eine Bewegung beginnen musste. Nach wenigen Takten konnte dieses Lied meinen Körper verändern.
Nur worüber Michael Jackson eigentlich sang, hatte mich nie ernsthaft beschäftigt.
Da ist Annie.
Eine Frau, in deren Wohnung etwas geschehen ist. Ein Angriff, Blut, Spuren von Gewalt. Und immer wieder diese Frage:
Annie, are you okay?
Natürlich kannte ich sie. Wir alle kannten sie.
Aber kannten wir Annie?
Ich jedenfalls nicht.
Ich hatte dazu getanzt. Jahrelang. Mit Hut.
Und wahrscheinlich bin ich nicht der Einzige aus unserer damaligen Gruppe, der Michael Jackson genauer angesehen hat als die Frau, um die sich das Lied dreht.
Das würde mich heute interessieren. Nicht als Wissensfrage, eher als Frage an uns von damals:
Wen haben wir eigentlich gesehen?
Das Musikvideo machte die Antwort leicht.
Michael Jackson im weißen Anzug. Ich im grauen. Der Hut, das Licht, diese Präzision der Bewegungen, die wir wieder und wieder angesehen haben, weil irgendwo darin die Antwort darauf steckte, wie eine Schulter stehen musste oder wann ein Fuß aufsetzte.
Natürlich schaute ich auf ihn. Wir wollten wissen, wie er das macht.
Also übten wir. Noch einmal, bis der Einsatz saß.
Annie brauchten wir für die Choreografie nicht.
Vielleicht liegt darin etwas Merkwürdiges über Kunst und Erinnerung. Wir können etwas jahrelang in unser Leben aufnehmen und trotzdem nur den Teil davon besitzen, für den wir damals einen Blick hatten.
Der Rest verschwindet nicht.
Bei Smooth Criminal war dieser Rest für mich Annie.
Auch ihr Name führt in eine eigentümliche Geschichte.
Viele kennen aus Erste-Hilfe-Kursen Resusci Anne, die Reanimationspuppe, an der seit Jahrzehnten Wiederbelebung geübt wird. Ihr Gesicht wurde nach der Totenmaske der sogenannten Unbekannten aus der Seine gestaltet. Die Verbindung zwischen der bei der Reanimation verwendeten Frage nach Annie und Michael Jacksons Zeile wird häufig erzählt; wie unmittelbar diese Entstehungsgeschichte tatsächlich ist, lässt sich weniger eindeutig belegen.
Die Verbindung ist auch ohne eine schöne Ursprungsgeschichte merkwürdig genug.
Ein regloser Körper wird gefragt, ob er noch da ist.
Und unsere Körper tanzen dazu.
Fünfunddreißig Jahre später erinnern sie sich.
Der Kopf macht aus dieser Zeit eine Biografie. Berufe, Beziehungen, Kinder, Häuser, Erfolge, Irrtümer. Jeder von uns könnte inzwischen mehrere Abende damit füllen, die fehlenden Jahrzehnte nachzuerzählen. Wir tun es natürlich auch.
Nur lässt sich ein Leben nicht nachholen.
Während der Kopf noch versucht, dreißig Jahre unterzubringen, steht der Körper bereits an seinem alten Platz. Ein paar Takte genügen. Ein Fuß weiß etwas, eine Schulter ebenfalls, und der Mensch neben einem steht plötzlich genau dort, wo man ihn erwartet hat.
Bei den Proben merke ich, dass diese Erinnerung nicht nur in mir liegt.
Sie liegt zwischen uns.
Unsere heutigen Leben sind weit auseinandergegangen. Wir sind keine Alltagsfamilie mehr. Wir wissen nicht automatisch, wie der Tag des anderen war, wer gerade Sorgen hat oder was morgen ansteht. Und trotzdem gibt es darunter eine Vertrautheit, für die dreißig Jahre offenbar keine vollständige Zuständigkeit besitzen.
Manche frühen Erfahrungen gehen tiefer, als der spätere Alltag reicht.
Vor kurzem waren wir nach einer Probe müde. Wir sind heute schneller vernünftig müde als früher und sprechen darüber vermutlich auch ausführlicher. Dann saßen wir da, redeten durcheinander, jemand erinnerte sich an etwas anders als die anderen, irgendeine alte Geschichte kam zurück.
Und plötzlich dachte ich: Das kenne ich.
Nicht die Geschichte.
Das Gefühl.
Diese Menschen sind heute andere. Ich auch.
Trotzdem kenne ich meinen Platz zwischen ihnen noch.
Wir holen keine Jugend zurück. Wir begegnen etwas, das die Jugend in uns hinterlassen hat.
Und dann ist da Annie.
Während wir etwas wiederfinden, das wir damals sehr genau kannten, entdecke ich mitten darin etwas, das ich offenbar nie gesehen hatte.
Das gefällt mir an der Geschichte. Sie kann keine Wiederholung sein. Wir bringen etwas Neues in dieselben Schritte. Unsere Körper bringen fünfunddreißig Jahre mit, unsere Freundschaften dreißig Jahre Abstand und diese merkwürdige Vertrautheit darunter.
Und ich bringe Annie mit.
Vielleicht haben die anderen sie längst gesehen. Vielleicht entdecken einige sie jetzt ebenfalls.
Das gehört ihnen.
Mitte Oktober wird die Musik einsetzen.
Auf einer Bühne.
Mit meiner Tanzgruppe, mit Menschen, die für mich einmal Familie waren und die sich an manchen Stellen gerade wieder erstaunlich danach anfühlen.
Wir werden unsere alte Choreografie tanzen. Eine Drehung wird vielleicht anders aussehen, ein Einsatz zu spät kommen. Irgendwo wird einer von uns vermutlich lachen, wo früher niemand gelacht hätte.
Gut so.
Ich weiß inzwischen wieder, wann mein Einsatz kommt. Und ich weiß ungefähr, wo die anderen dann sein werden.
Dieses Wissen ist älter als fast alles, was heute meinen Alltag bestimmt.
Vielleicht ist Familie manchmal ähnlich im Menschen aufgehoben wie eine Bewegung. Man macht sie nicht dreißig Jahre lang. Man denkt nicht jeden Morgen an sie. Das Leben stellt andere Menschen daneben, andere Aufgaben, andere Orte. Und trotzdem reicht irgendwann ein vertrauter Einsatz, eine bestimmte Art zu lachen, jemand steht wieder links von einem, wo er früher schon stand, und etwas findet seinen Platz, bevor man darüber nachdenken konnte.
Der Körper macht das mit den Schritten.
Vielleicht macht das Gefühl etwas Ähnliches mit Menschen.
Manches war offenbar tiefer gespeichert, als der Alltag reichte.
Der Zwanzigjährige im grauen Anzug hat Annie nie gesehen.
Vielleicht ging es einigen von uns genauso.
Mitte Oktober stehen wir wieder nebeneinander.
Unsere Körper werden sich erinnern.
Und vermutlich noch etwas anderes.
Diesmal wird Annie bei uns sein.
d.k.butler - September 2026