Notizen aus dem dritten Viertel: Wie viel Persönlichkeit verträgt Verantwortung?
Über den merkwürdigen Irrtum, Seriosität mit Konformität zu verwechseln.
Seriöse Männer erkennt man daran, dass man möglichst wenig von ihnen erkennt.
So ungefähr lautete lange die stillschweigende Übereinkunft.
Dunkler Anzug. Gute Schuhe. Ruhige Stimme. Keine auffälligen Leidenschaften. Eine gewisse Beherrschung des Gesichts. Im Beruf durfte man durchaus eigenwillig denken, solange man dabei nicht eigenwillig aussah.
Wer Verantwortung trägt, lernte früh, dass zu viel Persönlichkeit einen Verdacht erzeugen konnte.
Ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob das wirklich Seriosität ist.
Vielleicht war es nur eine sehr erfolgreiche Form der Konformität.
I.
Ich bin Jurist. Rechtsanwalt. Unternehmer, Vorstand, Vater, Freund, Partner.
Ich arbeite in Restrukturierungen und Sanierungen, also ausgerechnet dort, wo Entscheidungen selten theoretisch bleiben. Unternehmen geraten in Schwierigkeiten. Arbeitsplätze hängen an Zahlen, die plötzlich nicht mehr stimmen. Menschen erwarten Klarheit in Situationen, in denen es keine vollkommen richtige Entscheidung mehr gibt.
Daneben trage ich Verantwortung in gemeinnützigen Organisationen für Menschen in schwierigen Situation.
Und ich trage Tattoos und habe einen persönlichen Stil.
Seit einiger Zeit schreibe ich öffentlich und bin öffentlich.
Ich habe auf Instagram einen Kanal begonnen, den ich Reif.Leben. genannt habe. Dort schreibe und spreche ich über Literatur, Kunst, Musik, Stil, Orte, Elternsein, Scheitern, Beziehungen und über die merkwürdige Erfahrung, dass ein Mensch mit den Jahren nicht zwangsläufig eindeutiger wird.
Manchmal zeige ich mich dort im Anzug. Manchmal im T-Shirt. Man sieht meine Tattoos, meinen Stil. Man sieht mich mit meinen Hunden, in einem Restaurant, vor einem Bild von Gerhard Richter oder morgens mit einem Gedanken, von dem ich noch nicht weiß, ob er am Abend Bestand haben wird.
Lange hätte ich darin keinen Widerspruch gesehen.
Bis mir mehrmals die Frage gestellt wurde:
Passt das eigentlich zu deinen anderen Rollen? Lässt sich das mit Deinen Berufen vereinbaren?
Diese Fragen sind nicht böse gemeint.
Gerade deshalb blieben sie hängen.
Denn hinter ihr lag eine viel interessantere Frage:
Wie viel Persönlichkeit und Öffentlichkeit verträgt Verantwortung, berufliche und private?
II.
Thomas Mann hätte diese Frage vermutlich verstanden.
Vielleicht besser als die meisten von uns.
Bei kaum einem Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts lagen öffentliche Erscheinung und innere Landschaft so kunstvoll übereinander.
Der Anzug saß.
Die Manieren auch.
Thomas Mann kultivierte die Rolle des großbürgerlichen Schriftstellers mit einer Präzision, die beinahe selbst schon Literatur war. Nobelpreisträger, Familienvater, politischer Redner, Repräsentant deutscher Kultur.
Ein Mann, dem man Verantwortung ansehen konnte.
Und dahinter?
Begehren. Zweifel. Eitelkeit. Angst. Krankheit. Todesnähe. Künstlerische Obsessionen. Sehnsüchte, die in der bürgerlichen Ordnung seines Lebens kaum einen vorgesehenen Platz hatten.
Vielleicht war Thomas Manns große Leistung deshalb nicht allein, dass er über das Bürgertum schrieb.
Er wusste, wie anstrengend es ist, eines darzustellen.
Thomas Buddenbrook zerbricht nicht spektakulär. Gerade das macht ihn interessant. Er erfüllt seine Rolle. Er führt das Unternehmen. Er repräsentiert die Familie. Er beherrscht die Form.
Bis die Form mehr Kraft benötigt, als der Mensch noch besitzt.
Das ist eine alte Geschichte.
Erledigt ist sie nicht.
Wir haben lediglich die Kostüme gewechselt.
III.
In meiner beruflichen Welt existieren solche Kostüme noch immer.
Man erkennt sie sofort.
Nicht unbedingt am Maßanzug. Die Codes sind subtiler geworden.
Man spricht eine bestimmte Sprache. Man kennt die richtigen Restaurants, ohne darüber reden zu müssen. Man zeigt Wohlstand, indem man ihn nicht zeigt. Man besitzt Humor, aber möglichst den richtigen. Persönliches wird dosiert. Verletzlichkeit ist erlaubt, sofern sie bereits überwunden wurde.
Und selbstverständlich darf ein Rechtsanwalt heute Tattoos haben.
Wir leben schließlich im Jahr 2026.
Er darf vermutlich auch Instagram haben.
Interessant wird es erst, wenn er dort nicht über Recht spricht.
Wenn er über Bob Dylan schreibt.
Über Thomas Mann.
Über ein Hemd, das ihm gefällt.
Über einen Abend in London.
Über Beziehungen.
Über das Scheitern.
Vielleicht sogar über sich selbst.
Dann verändert sich etwas.
Die berufliche Rolle bekommt plötzlich einen Körper.
Einen Geschmack.
Eine Biografie.
Und möglicherweise ist genau das die eigentliche Irritation.
Gesellschaftliche Konformität funktioniert heute selten noch über Verbote.
Sie funktioniert über Irritation.
Niemand sagt:
Das darfst du nicht.
Man sagt:
Interessant.
Oder:
Mutig.
Oder:
Passt das denn zu deiner Position?
Das sind höfliche Sätze.
Aber manchmal tragen sie noch den alten Anzug.
IV.
Und dann David Bowie.
Bei ihm scheint zunächst alles anders.
Thomas Mann perfektionierte eine öffentliche Figur.
Bowie erfand gleich mehrere.
Ziggy Stardust. Aladdin Sane. Thin White Duke. Dann wieder jemand anderes.
Kleidung, Stimme, Haare, Musik – nichts musste dauerhaft bleiben, damit der Mensch dahinter glaubwürdig blieb.
Das Merkwürdige daran ist: Bowie verlor durch diese ständige Veränderung nicht an Seriosität.
Im Gegenteil.
Je älter er wurde, desto weniger wirkte die Verwandlung wie Provokation.
Sie wurde Methode.
Vielleicht bestand seine eigentliche Konsequenz darin, sich selbst nie zur endgültigen Fassung zu erklären.
Das unterscheidet ihn von Thomas Mann.
Der eine errichtete eine Form, in der er bestehen konnte.
Der andere wechselte die Formen, damit er in keiner von ihnen verschwinden musste.
Bowie lebte allerdings in einer Welt, in der Persönlichkeit Teil des Berufs war.
Bei einem Künstler erwarten wir sie geradezu.
Niemand hätte von ihm verlangt, seine Individualität zu mäßigen, damit man ihm seine Arbeit zutraut.
Bei einem Rechtsanwalt ist das anders.
Bei einem Unternehmer auch.
Je größer die Verantwortung, desto stärker scheint bis heute die Erwartung, dass der Mensch hinter ihr zurücktritt.
Genau deshalb interessiert mich Bowie.
Nicht weil ich mich mit ihm vergleichen wollte.
Sondern weil seine Biografie eine Frage stellt:
Warum erhöht Individualität bei einem Künstler die Glaubwürdigkeit – und erzeugt bei einem Verantwortungsträger noch immer Misstrauen?
V.
Vielleicht wird diese Frage im dritten Viertel des Lebens überhaupt erst interessant.
Mit zwanzig kann Individualität billig sein.
Ein ungewöhnliches Hemd kostet wenig Mut, wenn niemand von einem abhängt.
Später sieht die Sache anders aus.
Dann gibt es Mitarbeiter.
Mandanten.
Kinder.
Geschäftspartner.
Institutionen.
Menschen, deren Vertrauen keine ästhetische Spielerei ist.
Verantwortung verändert die Freiheit.
Das sollte man nicht romantisieren.
Wer Verantwortung trägt, kann nicht jeden Impuls zur Authentizität erklären und anschließend erwarten, dass andere die Folgen übernehmen.
„Ich bin eben so“ ist keine Haltung.
Manchmal ist es bloß Bequemlichkeit.
Gerade deshalb interessiert mich die andere Seite.
Wann wird Verantwortungsbewusstsein zur Selbstzensur?
Wann beginnt ein Mensch, Eigenschaften zu verstecken, die mit seiner Fähigkeit, Verantwortung zu tragen, überhaupt nichts zu tun haben?
Und weshalb halten wir jemanden im dunklen Anzug intuitiv für seriöser als denselben Menschen im T-Shirt, obwohl sich sein Urteil zwischen Garderobe und Besprechungsraum nicht verändert hat?
Vielleicht ist die Antwort unangenehm einfach:
Weil wir Zeichen lieben.
Sie ersparen uns Prüfung.
Der Anzug sagt Kompetenz.
Das Amt sagt Autorität.
Der Titel sagt Bildung.
Die Tätowierung sagt etwas anderes.
Was genau, wissen wir häufig selbst nicht.
Also werden wir vorsichtig.
VI.
Ich merke inzwischen, dass mich weniger interessiert, ob meine verschiedenen Rollen zusammenpassen.
Mich interessiert, weshalb wir überhaupt erwarten, dass sie zusammenpassen müssen.
Vielleicht liegt darin ein Missverständnis unserer Vorstellung von Identität.
Wir verlangen Kohärenz.
Der Rechtsanwalt soll aussehen wie ein Rechtsanwalt.
Der Unternehmer wie ein Unternehmer.
Der Schriftsteller darf ein wenig schwieriger sein.
Dem Künstler verzeiht man beinahe alles.
Und irgendwann steht ein Mensch vor seinem eigenen Kleiderschrank und besitzt für jede gesellschaftliche Erwartung die passende Version seiner selbst.
Vielleicht beginnt Reife dort, wo diese Garderobe kleiner wird.
Weil man genauer unterscheiden kann:
Was schulde ich meiner Verantwortung?
Und:
Was schulde ich lediglich einer Erwartung?
Das ist nicht dasselbe.
VII.
Natürlich gibt es Grenzen.
Ein Anwalt besitzt Verschwiegenheitspflichten.
Ein Unternehmer Verantwortung gegenüber Mitarbeitern und Geschäftspartnern.
Wer eine gemeinnützige Organisation führt, trägt deren Vertrauen mit.
Öffentliche Äußerungen haben Folgen.
Ein Amt ist kein Accessoire der eigenen Selbstverwirklichung.
Das alles ist selbstverständlich.
Aber aus Verantwortung folgt noch keine Verpflichtung zur Farblosigkeit.
Vielleicht sogar im Gegenteil.
Menschen vertrauen auf Dauer selten einer Funktion.
Sie vertrauen einem Menschen, von dem sie glauben, ungefähr zu wissen, wer da entscheidet, wenn es schwierig wird.
Charakter lässt sich nicht vollständig hinter Professionalität verstecken.
In der Krise kommt er ohnehin hervor.
Das weiß ich aus meinem Beruf vielleicht besser als aus jedem Buch.
Wenn Zahlen kippen, Zeit knapp wird und Entscheidungen unangenehm werden, hilft die perfekte Fassade erstaunlich wenig.
Dann zählt Urteil.
Verlässlichkeit.
Mut.
Manchmal auch die Fähigkeit, einen Irrtum zuzugeben.
Keines dieser Dinge besitzt eine Kleiderordnung.
VIII.
Vielleicht ist Reif.Leben. deshalb für mich inzwischen mehr als ein Instagram-Kanal.
Es ist auch ein Versuch, diese künstliche Trennung nicht mehr vollständig mitzumachen.
Der Mann, der morgens über Cyndi Lauper und Verlässlichkeit nachdenkt, verschwindet schließlich nicht, wenn er zwei Stunden später in einer Besprechung über die Zukunft eines Unternehmens entscheidet.
Der Rechtsanwalt bleibt derselbe Mensch, wenn er abends ein ungewöhnliches Hemd trägt.
Und ein Tattoo verändert seine Urteilskraft weder zum Guten noch zum Schlechten.
Vielleicht haben wir uns nur daran gewöhnt, Professionalität als eine Art Reduktion zu verstehen:
Je wichtiger die Funktion, desto weniger Mensch soll sichtbar sein.
Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das klug ist.
Denn Öffentlichkeit besitzt auch die entgegengesetzte Gefahr.
Persönlichkeit kann zur Inszenierung werden.
Das Private kann zur Ware werden.
Aus dem Wunsch, sich nicht länger zu verstecken, kann sehr schnell der Wunsch entstehen, unbedingt gesehen zu werden.
Auch das wäre keine Freiheit.
Vielleicht liegt die Grenze genau dort.
Persönlichkeit muss nicht alles zeigen.
Sie muss nur nicht mehr so tun, als gäbe es das Gezeigte nicht.
IX.
Vielleicht liegt deshalb zwischen Thomas Mann und David Bowie gar kein Gegensatz.
Vielleicht zeigen beide zwei historische Antworten auf dieselbe Zumutung:
Wie bleibt ein Mensch erkennbar, während die Welt von ihm eine Rolle verlangt?
Thomas Mann schützte vieles hinter der Form.
Bowie machte die Veränderung selbst zur Form.
Wir müssen uns für keine der beiden Strategien entscheiden.
Aber vielleicht können wir von beiden etwas lernen.
Von Mann die Erkenntnis, dass gesellschaftliche Rollen notwendig sind – und gefährlich werden können, wenn wir sie mit uns selbst verwechseln.
Von Bowie die Freiheit, dass Wiedererkennbarkeit nicht Gleichförmigkeit bedeutet.
Und vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe der Reife:
die Rollen nicht abzulegen.
Sondern zu wissen, wann man eine trägt.
X.
Ich werde also weiterhin Rechtsanwalt sein.
Unternehmer.
Verantwortung in gemeinnützigen Organisationen tragen.
Ich werde weiterhin Tattoos haben.
Und ich werde Reif.Leben. weiterschreiben.
Über Bücher.
Über Musik.
Über Stil.
Über Orte.
Über Beziehungen.
Vielleicht manchmal auch über Dinge, bei denen jemand aus meiner beruflichen Welt kurz die Augenbraue hebt.
Das allein beweist noch keine Unabhängigkeit.
Provokation ist ebenso wenig Persönlichkeit wie Anpassung.
Entscheidend ist etwas anderes:
zu wissen, was die eigene Verantwortung tatsächlich verlangt – und was lediglich eine Erwartung ist, an die wir uns gewöhnt haben.
Thomas Mann wusste, wie viel Kraft eine Rolle kosten kann.
David Bowie wusste, wie befreiend es sein kann, keine endgültige Fassung seiner selbst zu akzeptieren.
Irgendwo dazwischen liegt vielleicht eine vernünftige Form von Reife.
Verantwortung verlangt Grenzen.
Aber sie verlangt keine Verkleidung.