Notizen aus dem dritten Viertel: Time After Time
Die meisten Menschen verwechseln Nähe mit Häufigkeit.
In meinem Telefon leben Menschen, denen ich seit Monaten nicht geantwortet habe.
Ihre Namen tauchen auf, wenn ich jemanden suche. Manchmal streift mein Daumen ihre Nachrichten. Ein Geburtstag. Eine kurze Nachfrage. Ein Bild aus dem Urlaub. Nichts Dramatisches. Keine Vorwürfe. Eher diese kleinen Versuche, einen Faden in der Hand zu behalten, bevor er ganz verschwindet.
Ich lese vieles davon.
Und antworte oft nicht.
Es gibt dafür keine gute Erklärung.
Nur schlechte.
Zeit.
Arbeit.
Vergessen.
Zu müde.
Zu spät geworden.
Alles stimmt ein bisschen.
Und nichts stimmt wirklich.
Merkwürdig ist nur, dass ich mich fast jedes Mal entschuldige.
Fast automatisch.
Es sind immer dieselben Eigenschaften, für die man sich im Leben entschuldigt.
Irgendwann habe ich jetzt aber begonnen, diesem Reflex zu misstrauen.
Nicht jeder Mensch, der sich entschuldigt, hat etwas falsch gemacht.
Manchmal entschuldigt er sich nur dafür, dass seine Art zu leben nicht der Grammatik anderer Menschen entspricht.
Ich frage mich seit einiger Zeit, ob ich selbst eine Sprache nie richtig gelernt habe.
Nicht die Sprache der Höflichkeit.
Nicht die Sprache der Freundschaft.
Etwas Älteres.
Etwas, das man nicht in Sätzen spricht.
Vielleicht beginnt jede Biografie an dem Punkt, an dem man bemerkt, dass man die selbstverständlichsten Dinge anders versteht als die meisten anderen.
Ich habe lange geglaubt, das sei eine Eigenart.
Dabei ist es eher eine Übersetzung.
Die meisten Menschen halten Beziehungen lebendig, indem sie sie pflegen.
Ein Anruf.
Eine Nachricht.
Ein gemeinsamer Abend.
Sie wissen, dass selbst das "Verlässlichste" Aufmerksamkeit braucht.
Ich habe das immer bewundert.
Und nie gekonnt.
Nicht aus Nachlässigkeit.
Eher aus einem Vertrauen, dessen Herkunft ich selbst nicht kenne.
Wenn ich mit meinen Hunden unterwegs bin, sehe ich diesen Unterschied fast täglich.
Der Jagdhund arbeitet mit seinem Menschen.
Er sucht ihn immer wieder mit den Augen.
Ein kurzer Blick genügt.
Eine kaum sichtbare Bewegung.
Beide wissen wieder, wo der andere ist.
Mein Herdenschutzhund arbeitet anders.
Er liegt oft so weit entfernt, dass man sich fragt, ob er überhaupt wahrnimmt, was geschieht.
Manchmal dreht er einem sogar den Rücken zu.
Wer ihn nicht kennt, hält ihn leicht für gleichgültig.
Wer mit ihm lebt, weiß, dass genau das das Gegenteil bedeutet.
Er muss nicht ständig nachsehen.
Es genügt ihm zu wissen.
Vielleicht hat mich nie der Hund fasziniert.
Vielleicht war es diese Art, in der Welt zu sein.
Ohne ständige Rückversicherung.
Ohne den Wunsch, jede Verbindung immer wieder zu bestätigen.
Ich weiß, wie altmodisch das heute klingt.
Und ich weiß auch, welchen Preis diese Haltung haben kann.
Menschen fühlen sich übersehen.
Vergessen.
Manchmal sogar verlassen.
Deshalb habe ich mich so oft entschuldigt.
Und irgendwann fiel mir auf, dass ich mich immer für dieselbe Eigenschaft entschuldigte.
Nicht dafür, jemanden verletzt zu haben.
Sondern dafür, Beziehungen anders zu empfinden.
Vielleicht gibt es Menschen, die Nähe wie ihre Muttersprache sprechen.
Und andere, die sie eher verstehen wie einen alten Dialekt.
Nicht besser.
Nicht schlechter.
Nur mit anderen Pausen.
Mit einer anderen Grammatik.
Und manchmal mit einem langen Schweigen an der richtigen Stelle.
Sie lange zu erklären, hätte ohnehin nichts verändert.
Vor einiger Zeit nahm ich selbst das Telefon in die Hand.
Es war keiner dieser Anrufe, die man vorbereitet.
Kein Gespräch, das man innerlich schon einmal geführt hat.
Eher das Gegenteil.
Eine Entscheidung, die längst gefallen war, bevor der Gedanke dazu kam.
Als sich die Stimme meldete, sagte ich nur:
„Kannst du kommen?“
Keine Einleitung.
Keine Erklärung.
Am anderen Ende entstand eine kurze Stille.
Nicht die Stille eines Menschen, der überlegt.
Eher die eines Menschen, der bereits aufsteht.
Dann sagte er:
„Ich fahre los.“
Das Gespräch dauerte vielleicht zwanzig Sekunden.
Geblieben sind vier.
Kannst du kommen?
Ich fahre los.
Alles andere hat die Erinnerung längst aussortiert.
Merkwürdig, woran sie festhält.
Nicht an Uhrzeiten.
Nicht an Gründen.
Nicht einmal an Orten.
Sie hebt manchmal genau das auf, was nie erklärt werden musste.
Erst später fiel mir auf, dass wir lange nicht miteinander gesprochen hatten.
Wie lange, weiß ich nicht mehr.
Wochen.
Monate.
Vielleicht länger.
Ausgerechnet diese Leerstelle hat in meiner Erinnerung keinen Platz behalten.
Geblieben ist nur die Selbstverständlichkeit seines Aufbruchs.
Seitdem frage ich mich, woran wir Beziehungen eigentlich messen.
An der Zahl gemeinsamer Abende.
An Nachrichten.
An Geburtstagen.
An Reaktionszeiten.
Oder an dem einen Augenblick, in dem keine Erklärung mehr nötig ist.
Vielleicht gibt es tatsächlich verschiedene Sprachen der Verlässlichkeit.
Die eine braucht Worte.
Die andere kommt einfach.
Vielleicht beginnt das Missverständnis dort, wo beide glauben, sie sprächen dieselbe Sprache.
Und vielleicht ist genau das der Grund, weshalb wir Menschen manchmal für gleichgültig halten, die uns nie verlassen haben.
Ich habe lange geglaubt, meine Art sei bloß eine schlechte Angewohnheit.
Ich bin mir grad aber nicht einmal mehr sicher, ob sie ein Fehler war.
Vielleicht war sie nur ein Dialekt, den nicht jeder versteht.
Und vielleicht beginnt jedes wirkliche Gespräch in dem Augenblick, in dem man aufhört, den anderen in die eigene Sprache übersetzen zu wollen.
In der Akzeptanz eine Sprache nie richtig gelernt zu haben.
Gerade gehe ich früh durch die Carnaby Street, London.
Ich war zuletzt Mitte der achtziger Jahre hier.
Merkwürdig, was sich wiedererkennen lässt.
Und was nicht. Also hier grad nichts.
Aus einem Geschäft fällt trotzdem Musik der 80er auf die Straße.
Ich gehe einige Schritte weiter, später bleibe ich stehen.
Time After Time
Ich kenne das Lied.
Jedenfalls glaube ich das.
Dann fällt mir ein, dass ich denselben Irrtum schon einmal hatte.
Ein Lied zu erkennen heißt noch nicht, ihm zu begegnen.
Diesmal bleibe ich an einem einzigen Satz hängen.
If you’re lost, you can look and you will find me.
Vierzig Jahre lang habe ich darin eine Liebesgeschichte gehört.
Grad höre ich dort die Sprache der Verlässlichkeit.
Nicht die eines täglichen Anrufs.
Nicht die einer Nachricht.
Sondern die eines Menschen, der kommt, wenn nur noch ein Satz bleibt.
„Kannst du kommen?“
„Ich fahre los.“
Es sind unterschiedliche Sprachen der Nähe.
d.k.butler