Notizen aus dem dritten Viertel: One Shot?
Eminem, Lose Yourself und die Unverschämtheit, noch einmal anzufangen.
Es gehört zu den hartnäckigeren Irrtümern des Lebens, dass das Entscheidende früh passieren müsse.
Der richtige Beruf.
Der richtige Mensch.
Der Durchbruch.
Das Leben selbst.
Als gäbe es irgendwo eine unsichtbare Jury, die irgendwann die Türen schließt und anschließend nur noch überprüft, ob man seine Möglichkeiten ordentlich verwaltet.
Ich habe lange genug gelebt, um dieser Jury nicht mehr glauben zu wollen.
Lose Yourself, Eninem behauptet zunächst das Gegenteil.
Da ist dieser eine Augenblick.
Die Gelegenheit.
Man greift zu.
Oder eben nicht.
Das klingt einfach.
Vielleicht muss es das auch.
Wer vor einer Tür steht, sollte nicht zuerst eine Abhandlung über Türen schreiben.
Er sollte sie öffnen.
Mit zwanzig versteht man das sofort.
Später wird es komplizierter.
Nicht weil der Mut fehlt.
Man weiß inzwischen nur, dass hinter einer geöffneten Tür nicht zwangsläufig das richtige Leben wartet.
Manchmal steht dort bloß der nächste Irrtum.
Das ist keine besonders schlechte Nachricht.
Irrtümer haben einen miserablen Ruf.
Dabei haben einige von ihnen mein Leben stärker verändert als die vernünftigen Entscheidungen.
Nur erzählt man das später anders.
Erfolgsgeschichten werden gewöhnlich rückwärts erzählt.
Das Ergebnis steht fest, und plötzlich bekommt alles davor einen Sinn.
Der schlechte Anfang wird zur Lehrzeit.
Die Niederlage zur notwendigen Prüfung.
Der falsche Mensch zur wichtigen Erfahrung.
Der Zufall zur Fügung.
Und aus einem verängstigten Menschen, der keine Ahnung hatte, was er tat, wird rückwirkend einer, der immer an seinen Weg geglaubt hat.
Ich misstraue solchen Geschichten, vor allem den eigenen.
Wir wissen beim entscheidenden Augenblick fast nie, dass er entscheidend ist.
Das dürfte sein größter Vorteil sein.
Man sitzt in einem Auto.
Unterschreibt etwas.
Sagt zu.
Sagt ab.
Ruft jemanden an.
Geht an einem Morgen irgendwohin, obwohl man eigentlich etwas anderes vorhatte.
Nichts davon klingt nach Schicksal.
Zum Glück.
Das Leben hat selten Musik daruntergelegt.
Erst später tun wir das.
Vielleicht brauchen wir diese nachträgliche Ordnung.
Ohne sie wäre eine Biografie nur eine Ansammlung von Tagen.
Also verbinden wir Punkte.
Wir nennen etwas Anfang.
Etwas anderes Ende.
Wir erklären, warum wir geblieben sind, warum wir gegangen sind, warum es gar nicht anders kommen konnte.
Irgendwann sieht das Ganze beinahe geplant aus.
Das ist beruhigend.
Und vermutlich gelogen.
Nicht die Ereignisse.
Ihre Ordnung.
Vielleicht gefällt mir Lose Yourself deshalb heute noch.
Der Song kennt diese nachträgliche Gelassenheit nicht.
Da steht einer vor seinem Augenblick und weiß nicht, wie die Geschichte ausgehen wird.
Der Körper verrät ihn.
Die Hände.
Der Atem.
Der Magen.
Noch gibt es keine Legende.
Nur die Möglichkeit, sich zu blamieren.
Das ist ehrlicher als fast jede Erfolgsgeschichte.
Der junge Mann braucht allerdings etwas, das man später verliert.
Er muss glauben, dass dieser eine Augenblick alles entscheidet.
Vielleicht wäre er sonst nie auf die Bühne gegangen.
Zum Glück glaube ich das nicht mehr. Es gibt nicht den einen Moment.
Es gibt mehrere.
Aber sie wiederholen sich nicht.
Das ist der unangenehme Teil.
Eine Möglichkeit, die mit dreißig vorbeigegangen ist, kann mit fünfundfünfzig wieder auftauchen.
Nur ist sie dann eine andere.
Und man selbst auch.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem der Song für mich interessant wird.
Nicht:
Nutzt du deine Chance?
Sondern:
Erkennst du sie noch, wenn sie nicht mehr so aussieht wie früher?
Das dritte Viertel hat einen schlechten Ruf.
Es klingt nach Restlaufzeit.
Nach Vernunft.
Nach der allmählichen Verkleinerung dessen, was noch möglich ist.
Ich erlebe eher das Gegenteil.
Möglichkeiten werden nicht unbedingt weniger.
Sie werden teurer.
Mit zwanzig riskiert man eine Vorstellung vom eigenen Leben.
Später riskiert man ein Leben, das längst existiert.
Menschen.
Verantwortung.
Gewohnheiten.
Etwas Erarbeitetes.
Ein später Aufbruch ist deshalb nicht unbedingt mutiger.
Aber genauer.
Man weiß inzwischen, was auf dem Tisch liegt.
Und manchmal steht man trotzdem auf.
Das interessiert mich mehr als die Geschichten von Menschen, die angeblich immer wussten, wohin sie wollten.
Ich wusste es oft nicht.
Vermutlich weiß ich es heute auch weniger, als ich mir gelegentlich einrede.
Der Unterschied ist:
Das beunruhigt mich nicht mehr besonders.
Vielleicht ist das der aktuelle Luxus dieser Jahre.
Man braucht keinen Masterplan mehr.
Nur genügend Aufmerksamkeit für den nächsten Moment.
Lose Yourself höre ich gegen seine eigene Legende.
Nicht als Hymne auf den einen großen Augenblick. Sondern als Erinnerung daran, wie wenig wir wissen, während unser Leben geschieht.
Denn vielleicht ist das Leben großzügiger, als der Song behauptet.
Es gibt mehr als eine Chance.
Nur keine zweimal.
d.k.butler