Notizen aus dem dritten Viertel: Generation Golf - oder die Freiheit, die vielleicht nie unsere war

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Notizen aus dem dritten Viertel: Generation Golf - oder die Freiheit, die vielleicht nie unsere war

Über Florian Illies, die Verwechslung von Wohlstand und Freiheit und eine Generation, die sich selbst zu erkennen glaubte

Vielleicht war Generation Golf nie eine Generation. Vielleicht war sie die erfolgreichste Werbekampagne, die wir jemals für unser eigenes Leben gehalten haben.

Das klingt ungerecht gegenüber Florian Illies, der im Jahr 2000 mit seinem gleichnamigen Buch etwas Bemerkenswertes gelang. Er gab einer bestimmten westdeutschen Erfahrungswelt eine Sprache, in der sie sich mit sichtlichem Vergnügen wiedererkannte. Die Adidas-Tasche, der Geruch eines neuen Autos, Langnese-Werbung, Tennisunterricht und der Volkswagen Golf, dieses erstaunlich zuverlässige Versprechen einer Republik, die sich nach Jahrzehnten des wirtschaftlichen Aufstiegs daran gewöhnt hatte, ihre Zukunft für einigermaßen gesichert zu halten.

Illies besaß ein feines Gespür für die Dinge, mit denen Menschen ihre Zugehörigkeit ausdrücken, ohne darüber nachzudenken. Er schrieb über eine Zeit, in der Marken längst mehr waren als die Namen ihrer Hersteller. Sie standen für Geschmack, Herkunft, gesellschaftliche Stellung und gelegentlich für jene kleine Überlegenheit, die man empfindet, wenn man etwas besitzt, das andere ebenfalls gern hätten. Sein Ton war leicht, ironisch und von einer Freundlichkeit, die selbst dort erhalten blieb, wo er die Eitelkeiten seiner Generation betrachtete.

Das Buch wurde ein Erfolg, weil es seinen Lesern etwas anbot, das sie bis dahin kaum vermisst hatten und nun plötzlich unbedingt besitzen wollten: eine gemeinsame Vergangenheit.

Erinnerung ist dafür ein dankbares Material. Sie lässt sich erstaunlich gut durch Gegenstände auslösen, besonders durch solche, die längst verschwunden sind. Ein bestimmtes Verpackungsdesign kann eine Kindheit heraufbeschwören, die beim näheren Hinsehen keineswegs so einheitlich gewesen ist, wie die Erinnerung zunächst behauptet. Der Geruch eines Autos erzählt dann von den Ferien, während die Streitigkeiten auf der Rückbank freundlicherweise unerwähnt bleiben.

Illies verstand diese Mechanik. Er schrieb mit der Leichtigkeit eines Mannes, der wusste, dass die Leser ihre eigenen Geschichten zwischen seinen Beobachtungen ergänzen würden. Vielleicht war das die eigentliche literarische Leistung von Generation Golf: Das Buch stellte eine Welt bereit, in der man sich einrichten konnte, ohne die Möbel selbst beschreiben zu müssen.

Allerdings war diese Welt kleiner, als der Titel vermuten ließ.

Wer im Ruhrgebiet der siebziger und achtziger Jahre aufwuchs, kannte selbstverständlich dieselben Werbespots und viele der gleichen Produkte. Auch dort wurden Golfs gefahren, Adidas-Taschen getragen und die ersten privaten Fernsehsender mit einer Begeisterung empfangen, die man heute nur schwer erklären kann. Doch hinter diesen Gemeinsamkeiten lagen gesellschaftliche Unterschiede, die sich durch den Besitz derselben Turnschuhe nicht aufheben ließen.

In manchen Familien war der wirtschaftliche Aufstieg längst zur Selbstverständlichkeit geworden. In anderen wurde darüber gesprochen, welcher Betrieb als Nächstes Stellen abbauen würde. Während ein Teil der Republik die Möglichkeiten des Konsums entdeckte, erlebte ein anderer, wie vertraute Formen von Arbeit verschwanden und mit ihnen eine Sicherheit, die sich über Generationen ausgebildet hatte.

Das war dieselbe Zeit, aber keineswegs dieselbe Kindheit.

Die gesellschaftliche Wirklichkeit bestand ohnehin aus weit mehr als dem Gegensatz zwischen Wohlstand und wirtschaftlicher Unsicherheit. Herkunft, Bildung und die unterschiedlichen Vorstellungen davon, was ein gelungenes Leben ausmache, schufen Milieus, deren Grenzen manchmal nur wenige Straßen auseinanderlagen. Wer sich zwischen ihnen bewegte, bemerkte bald, dass selbst gemeinsame Konsumgewohnheiten wenig darüber aussagten, wie Menschen dachten, worauf sie stolz waren oder wovor sie sich fürchteten.

Es wäre allerdings unfair, Illies vorzuwerfen, er habe diese gesamte Wirklichkeit nicht beschrieben. Ein Schriftsteller darf seinen Ausschnitt wählen. Seine Beobachtungen verlieren ihren Wert nicht dadurch, dass anderswo andere Erfahrungen gemacht wurden. Fragwürdiger ist die Bereitschaft, mit der aus einem solchen Ausschnitt die Erzählung einer ganzen Generation werden konnte.

Vielleicht verrät der Erfolg des Buches deshalb ebenso viel über seine Leser wie über seinen Autor.

Die Generation Golf wollte sich offenbar gern wiedererkennen. Und sie bevorzugte dafür eine Erinnerung, in der die Zumutungen der Geschichte einen eher zurückhaltenden Auftritt hatten.

Das Jahr 2000 bot für eine solche Betrachtung einen günstigen Augenblick. Die deutsche Wiedervereinigung lag ein Jahrzehnt zurück, Europa schien auf eine friedlichere Zukunft zuzusteuern, und die Möglichkeiten einer zunehmend vernetzten Wirtschaft wurden mit einer Zuversicht beschrieben, die heute gelegentlich rührend wirkt. Das Ende des Kalten Krieges hatte in Teilen der westlichen Welt die Vorstellung begünstigt, die großen historischen Auseinandersetzungen seien im Wesentlichen entschieden.

Natürlich war die Wirklichkeit schon damals widerspenstiger. Die Kriege auf dem Balkan lagen keineswegs in einer fernen Vergangenheit, die wirtschaftlichen Verwerfungen der Globalisierung waren längst sichtbar, und wer sich für die Folgen des industriellen Strukturwandels interessierte, brauchte dafür nicht einmal Deutschland zu verlassen.

Dennoch besaß die Jahrtausendwende eine besondere Stimmung. Zukunft erschien vielen weniger als eine offene historische Frage denn als Fortsetzung eines bereits erfolgreichen Gegenwartsmodells.

Wohlstand würde wachsen. Europa würde zusammenfinden. Die Welt würde moderner und damit, so die unausgesprochene Hoffnung, vermutlich auch vernünftiger werden.

Es war eine angenehme Vorstellung.

Und wie viele angenehme Vorstellungen hatte sie den Nachteil, dass sie nicht besonders lange ungestört blieb.

Die Anschläge vom 11. September, Finanzkrisen, neue Kriege und schließlich die Pandemie veränderten den Blick auf diese Jahre. Hinzu kam eine technische Entwicklung, die zunächst als Erweiterung menschlicher Möglichkeiten begrüßt wurde und inzwischen selbst die Frage aufwirft, welche Fähigkeiten künftig noch ausschließlich dem Menschen vorbehalten bleiben.

Die Angehörigen der sogenannten Generation X haben diesen Übergang in einer bemerkenswerten Geschwindigkeit erlebt. Sie lernten mit Füllfederhalter und Papier, telefonierten aus gelben Zellen und verabredeten sich zu Zeiten, deren Verbindlichkeit schon daraus entstand, dass niemand unterwegs eine Nachricht schicken konnte. Heute arbeiten viele von ihnen mit künstlicher Intelligenz und tragen Geräte bei sich, die mehr Informationen bereithalten, als ihre früheren Schulbibliotheken jemals besaßen.

Das ist eine erhebliche Veränderung innerhalb eines einzigen Erwachsenenlebens.

Und sie betrifft mehr als die technischen Hilfsmittel.

Mit jeder neuen Möglichkeit verändert sich auch die Vorstellung davon, was ein Mensch können, wissen und aus seinem Leben machen sollte. Die Zahl der Entscheidungen wächst, während die Sicherheit, mit der sie getroffen werden können, keineswegs im gleichen Maße zunimmt. Eine Generation, die ihre Individualität einst über Kleidung, Musik und Konsumgewohnheiten ausdrückte, findet sich in einer Gegenwart wieder, in der nahezu jede persönliche Eigenheit zum Gegenstand öffentlicher Darstellung werden kann.

Gerade darin liegt eine Ironie, die Illies vermutlich gefallen hätte.

Die Generation Golf hielt sich für ausgesprochen individuell und entwickelte dabei eine bemerkenswerte Übereinstimmung in den Dingen, durch die sie ihre Individualität zum Ausdruck brachte.

Das war keineswegs ungewöhnlich. Jede Gesellschaft stellt ihren Mitgliedern bestimmte Möglichkeiten zur Verfügung, sich voneinander zu unterscheiden. Die Unterschiede bleiben dabei häufig innerhalb eines Rahmens, dessen Existenz kaum jemand infrage stellt. Wer zwischen mehreren Automarken wählen kann, besitzt eine Auswahl. Ob er damit bereits freier lebt, ist eine andere Angelegenheit.

Wir hielten Auswahl für Freiheit. Vielleicht war sie nur Komfort.

Dieser Gedanke erscheint mir heute interessanter als die Frage, ob Illies die richtige Generation beschrieben hat. Denn er richtet sich auf jene Vorstellungen eines gelungenen Lebens, die wir über Jahrzehnte für unsere eigenen gehalten haben.

Beruflicher Erfolg, ein bestimmter Lebensstandard, gesellschaftliche Anerkennung und die Möglichkeit, sich innerhalb dieser Ordnung nach persönlichen Vorlieben einzurichten, waren durchaus erstrebenswerte Ziele. Sie boten Sicherheit und eröffneten Möglichkeiten, die früheren Generationen oft verschlossen geblieben waren. Gerade deshalb fällt es schwer, zwischen dem eigenen Wunsch und dem gesellschaftlich nahegelegten Lebensentwurf zu unterscheiden.

Man muss sich einer Ordnung nicht widerwillig unterwerfen, um von ihr geprägt zu werden. Es genügt häufig, dass sie einem gefällt.

Vielleicht liegt darin die erfolgreichste Form der Anpassung: Sie wird irgendwann als persönliche Entscheidung erlebt.

Das dritte Viertel des Lebens verändert an dieser Frage etwas. Die Erfahrungen sind zahlreicher geworden, manche der früheren Ziele erreicht, andere haben sich als weniger bedeutsam erwiesen, als sie einmal erschienen. Man kann auf einen beträchtlichen Teil seines Lebens zurückblicken und feststellen, dass vieles gelungen ist, ohne deshalb sicher zu sein, ob man unter anderen Voraussetzungen dieselben Entscheidungen getroffen hätte.

Die Frage ist unbequem, weil sie sich nicht durch eine nachträgliche Abwertung des bisherigen Lebens beantworten lässt. Wer sich über Jahrzehnte in einer gesellschaftlichen Ordnung eingerichtet hat, hat darin auch geliebt, gearbeitet, Verantwortung übernommen und Dinge geschaffen, die ihren Wert behalten. Die Herkunft einer Entscheidung aus gesellschaftlichen Erwartungen macht sie nicht automatisch falsch.

Aber sie verdient gelegentlich eine zweite Betrachtung.

Thomas Manns große Gesellschaftsromane zeigen auf unterschiedliche Weise, wie tief Menschen in die Vorstellungen ihrer Herkunft und ihres Milieus eingebunden sein können. Seine Figuren tragen gesellschaftliche Erwartungen häufig mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass ihnen deren Macht erst bewusst wird, wenn das eigene Leben mit ihnen in Konflikt gerät. Gerade darin liegt eine literarische Genauigkeit, die weit über die Beschreibung einer bestimmten Epoche hinausreicht.

Auch die Generation Golf hatte ihre stillschweigenden Vorstellungen davon, wie ein erfolgreiches Leben auszusehen habe. Sie waren weniger streng als die bürgerlichen Ordnungen früherer Zeiten und wirkten gerade deshalb so selbstverständlich. Man konnte sich modern, unabhängig und unangepasst fühlen, während man einen Lebensentwurf verwirklichte, den die eigene gesellschaftliche Umgebung bereits weitgehend vorbereitet hatte.

Florian Illies hat diese Welt mit großer Beobachtungsgabe beschrieben. Ihre Oberfläche war voller Zeichen, und er verstand es, sie zu lesen. Was darunter lag, lässt sich mit dem Abstand eines Vierteljahrhunderts deutlicher erkennen.

Vielleicht ist Generation Golf deshalb heute ein interessanteres Buch als bei seinem Erscheinen. Damals konnte man darin die eigene Jugend wiederfinden. Heute lässt sich beobachten, wie eine Gesellschaft sich selbst erzählen wollte, kurz bevor ihre Gewissheiten brüchiger wurden.

Und möglicherweise gehört zu einer reiferen Betrachtung der eigenen Generation, dass man auch die Grenzen ihrer gemeinsamen Erzählung anerkennt.

Die Erinnerung an ein bestimmtes Jahrzehnt wird dadurch nicht ärmer. Sie verliert lediglich jene Bequemlichkeit, mit der sich aus vertrauten Gegenständen eine gemeinsame Lebensgeschichte herstellen lässt.

Was bleibt, ist eine Frage, die sich mit zunehmendem Alter schwerer übergehen lässt: Wie viel von dem, was wir für unsere persönliche Freiheit hielten, war tatsächlich eine eigene Entscheidung?

Darauf wird es keine Antwort geben, die für eine ganze Generation gilt. Schon die unterschiedlichen Lebenswege verbieten eine solche Vereinfachung. Aber vielleicht kann jeder für sich genauer unterscheiden, welche Erwartungen er übernommen hat, weil sie ihm entsprachen, und welche er nur deshalb nie hinterfragte, weil sie ihm selbstverständlich erschienen.

Das ist eine Arbeit, für die man erstaunlich viel Lebenserfahrung gebrauchen kann.

Und gelegentlich auch den Mut, sich einzugestehen, dass die eigene Biografie weniger unabhängig entstanden ist, als man lange angenommen hatte.

Florian Illies hat einer Generation einen Spiegel vorgehalten, in dem sich viele gern betrachteten. Ein Vierteljahrhundert später ist dieser Spiegel noch immer vorhanden. Nur stehen inzwischen andere Menschen davor, mit älteren Gesichtern und einer Geschichte, die weit über die Gegenstände ihrer Jugend hinausgewachsen ist.

Vielleicht erkennt man sich darin heute gerade an den Stellen, die Illies damals gar nicht beschrieben hat.

Und vielleicht beginnt das Interessante erst, wenn man den Blick vom Spiegel löst und sich fragt, weshalb man so lange geglaubt hat, das eigene Leben müsse einem bestimmten Bild entsprechen.

d. k. butler

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