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# Notizen aus dem dritten Viertel: Der Blaumilchkanal
- URL: https://www.dkbutler.de/notizen-aus-dem-dritten-viertel-der-blaumilchkanal/
- Published: 2026-08-24T16:30:03.000Z
- Updated: 2026-08-24T16:30:03.000Z
- Author: Dirk Karl Buttler

Über die Baustellen, die wir irgendwann für unser Leben halten.

Die meisten Baustellen werden irgendwann fertig.

Die interessanteren bleiben.

Niemand weiß mehr genau, wer sie begonnen hat. Noch weniger weiß man, weshalb. Inzwischen gibt es Pläne, Zuständigkeiten und Menschen, die von Berufs wegen erklären können, warum es jetzt auf keinen Fall mehr möglich ist, einfach aufzuhören.

Irgendwann stehen Absperrgitter da. Ein Loch ist in der Straße, jemand trägt einen Helm, und das genügt erstaunlich oft.

Die Menschen gehen außen herum.

MIr ist bei einem derartigem Szenario "Der Blaumilchkanal" von Ephraim Kishon als Film aus meiner Kindheit wieder eingefallen.

Ich hatte den Film aber lange falsch erinnert. Französischer Film, dachte ich. Siebziger Jahre. Irgendetwas mit einem Verrückten und einem Presslufthammer.

Leider besitzen Erinnerungen wenig Ehrgeiz bei den Fakten.

Der Film ist von 1969, meinem Geburtsjahr. Kasimir Blaumilch, ehemaliger Straßenarbeiter und Insasse einer psychiatrischen Anstalt, entkommt, besorgt sich einen Presslufthammer und beginnt morgens mitten in Tel Aviv eine der wichtigsten Verkehrsadern aufzureißen.

Eigentlich könnte die Geschichte hier enden.

Jemand nimmt ihm den Presslufthammer weg.

Tut aber keiner.

Vielmehr sieht ein Polizist einen Mann bei der Arbeit und regelt nunmehr den Verkehr für ihn. Die Straße wird gesperrt. Anwohner beschweren sich über den Lärm. Im Rathaus sucht man nach dem Verantwortlichen und entdeckt dabei vor allem Menschen, die es nicht gewesen sein wollen.

Im Film stellt niemand mehr die naheliegende Frage.

Was machen Sie da eigentlich? Wer hat das aufbohren beauftragt?

Stattdessen kommen Bautrupps und schweres Gerät. Aus einem Loch wird ein Projekt.

Blaumilch bohrt weiter, bis das Meer in die Straße läuft. Der Bürgermeister eröffnet den neuen Kanal und erklärt Tel Aviv zum Venedig des Nahen Ostens.

Nur ein Mann versteht, was passiert ist. Man hält ihn für verrückt.

Ephrain Kishon meinte im Film die Bürokratie. Ich fürchte, er hat aber auch über das Leben geschrieben.

Denn einige Baustellen im Leben beginnen tatsächlich so unspektakulär.

Man sagt zu etwas Ja, das eigentlich nur für eine Weile gedacht war. Man übernimmt Verantwortung, weil gerade niemand anderes da ist. Ein Gespräch wird vertagt, weil der Abend schon spät ist. Am nächsten Morgen müssen die Kinder zur Schule, am Montag wartet die Arbeit.

Nichts davon ist grundsätzlich falsch und ohne Motivation.

Das ist aber schon das Problem.

Es gibt im wahren Leben keinen Kasimir Blaumilch, auf den man zeigen könnte. Nur Entscheidungen, die für den jeweiligen Dienstag ziemlich vernünftig waren.

Später kommt etwas dazu. Ein Vertrag, ein Haus, eine Beförderung. Vielleicht auch nur die Gewohnheit, dass bestimmte Dinge eben so laufen.

Man arrangiert sich nicht einmal bewusst damit. Man lebt da hinein.

Bis aus dem Provisorium etwas geworden ist, das einen Namen trägt.

Ich kenne das zu Genüge.

Ein Beruf z.B. kann auf diese Weise erstaunlich viel Beton ansetzen.

Am Anfang steht etwas, das man wirklich wollte. Man wird besser darin. Andere verlassen sich darauf. Das Einkommen wächst, die Verantwortung ebenfalls. Irgendwann hängt an einer Entscheidung, die einmal persönlich war, ein kleiner bis großer Betrieb aus Erwartungen anderer Menschen.

Die ursprüngliche Frage allerdings verschwindet dabei nicht. Sie wird nur unpraktisch.

Will ich das eigentlich noch?

Das ist dann an einem Dienstagvormittag eine ausgesprochen lästige Frage. Es gibt Termine. Mitarbeiter warten auf Entscheidungen. Rechnungen werden nicht philosophischer, nur weil man selbst es gerade wird.

Also fragt man: Wie bekomme ich das alles hin?

Und schon arbeitet man wieder.

Bei Beziehungen ist es etwas komplizierter. Vielleicht weil dort selten jemand einen Helm trägt.

Man kann jahrelang über Ferien, Kinder, Weihnachten, ein Haus und die nächste Woche sprechen. Das alles muss besprochen werden, gerade wenn Menschen Verantwortung füreinander tragen.

Nur kann Organisation eine erstaunliche Lautstärke entwickeln. Man hört irgendwann jedes Problem.

Bis auf das eine.

Ich glaube, deshalb gefällt mir der Presslufthammer bei Kishon inzwischen so gut. Er ist vollkommen unüberhörbar, und trotzdem hört niemand, was er bedeutet.

Alle hören nur den Lärm. Also kümmern sie sich darum.

Das kommt mir sowas von bekannt vor.

Mit den Jahren werden wir ziemlich gut darin, Folgen zu verwalten. Ohne diese Fähigkeit würde wenig von dem bestehen, was uns wichtig ist.

Gefährlich wird es, wenn Kompetenz und Gewohnheit sich zusammentun.

Dann kann man eine falsche Sache, eine falsche Beziehung ausgesprochen professionell betreiben.

Man optimiert die Umleitung, bespricht den Baufortschritt und ärgert sich über Verzögerungen. Irgendwann sitzt man in einer Besprechung, in der vernünftige Menschen vernünftige Dinge sagen.

Nur die Frage ist dann plötzlich verschwunden bzw. ist sie nicht mehr da.

Warum bohren wir eigentlich? Was war der eigentliche Grund für die späteren Folgeentscheidungen bzw. -entwicklungen.

Das ist vermutlich eine der unhöflicheren Fragen, die man einem funktionierenden Leben stellen kann.

Das Merkwürdige ist, dass wir auf solche Fragen selten ohne Antwort bleiben. Je länger etwas besteht, desto besser werden die Gründe dafür.

Menschen besitzen ein bemerkenswertes Talent, der eigenen Vergangenheit nachträglich Ordnung beizubringen. Was einmal Zufall war, bekommt eine Vorgeschichte. Aus einer Verlegenheit wird eine Entscheidung. Hat etwas lange genug gedauert, nennen wir es irgendwann konsequent.

Das ist sehr verständlich.

Eine Biografie ohne Zusammenhang wäre schwer auszuhalten. Also verbinden wir die Punkte.

Nur liegen die Linien dort vorher nicht. Wir zeichnen sie später ein.

Beim Blaumilchkanal als Fiktion und Film ist das wunderbar böse.

Am Anfang steht ein Mann mit einem Presslufthammer. Am Ende fließt Wasser durch Tel Aviv. Dazwischen liegt eine Verwaltung, die aus dem einen das andere gemacht hat.

Sobald der Kanal fertig ist, verändert sich sogar die Frage nach seinem Ursprung. Er ist nun da. Man kann Brücken darüber bauen, Cafés ans Ufer stellen. Menschen aus Tel Aviv könnten eines Tages sagen, wie schön es hier geworden sei.

Und irgendwann würde vermutlich jemand erklären, warum Tel Aviv diesen Kanal dringend gebraucht hat.

So viel Wirklichkeit und gelebte Realität überzeugt.

Bei einem Leben, beim eigenen Leben ist es kaum anders.

Was lange besteht, bekommt Gewicht. Ein Beruf, ein Haus, eine Beziehung, eine Vorstellung von sich selbst. Man hat Jahre hineingelegt. Manchmal Geld. Meistens Dinge, die schwerer zurückzubekommen sind.

Dann wird Aufhören, Kurskorrektur, Anhalten, Umdrehen teuer.

Vor allem innerlich. Es würde sich gegen die eigene Sicherheit stellen.

Denn plötzlich muss man sich eine Frage gefallen lassen, die unangenehmer ist als die nach der Zukunft:

Was war dann mit all den Jahren davor?

Vor dieser Frage haben wir mehr Respekt, als wir gern zugeben. Sie kann Jahrzehnte wie einen Irrtum aussehen lassen.

Also bauen wir oft lieber weiter.

Oft sogar aus Anstand. Aus Respekt vor anderen. Denn Menschen sind zumeist beteiligt. Verantwortung verschwindet nicht, weil man selbst Zweifel bekommt.

Trotzdem gibt es einen Punkt, an dem Beharrlichkeit und Angst sich zum Verwechseln ähnlich sehen.

Von außen lässt sich kaum sagen, welcher gerade in einem arbeitet. Von innen leider manchmal auch nicht.

Die Frage nach dem ursprünglichen Tun interessiert sich dafür ohnehin nicht. Sie fragt nicht nach dem bereits verbauten Material.

Sie fragt nur, ob wir heute noch genauso anfangen würden, damit die Folgeentscheidungen und Entwicklungen gedeihen können.

Und manchmal lautet die Antwort schlicht:

Nein.

Nur folgt daraus dann noch nicht, dass man aufhören sollte.

Das ist die Stelle, an der die Sache kompliziert wird. Denn nicht jede Baustelle ist ein Blaumilchkanal.

Es gibt Entscheidungen, die Jahre brauchen, bevor sie tragen. Beziehungen geraten an Stellen, an denen Aufgeben leichter wäre als Bleiben. Ein Beruf kann einen langweilen und später wieder interessieren. Verantwortung besitzt ohnehin die lästige Eigenschaft, nicht genau dann zu verschwinden, wenn man sie als Belastung empfindet.

Wer jedes Unbehagen zum Zeichen erklärt, falsch abgebogen zu sein, baut am Ende ebenfalls an einer Geschichte über sich selbst.

Dann an der vom freien Menschen.

Aber diesen Geschichten misstraue ich mittlerweile genauso. Vor allem auch meinen eigenen, die ich mir manchmal aufgrund der Verantwortungen und Entwicklungen zurecht gelegt habe.

Das Schwierige liegt im Unterscheiden.

Zwischen dem, was Kraft kostet, weil es einem wichtig ist, und dem, was nur noch Kraft kostet. Zwischen einer schwierigen Zeit und einem Leben, das längst zur Umleitung geworden ist.

Auf dem Papier sieht man vielleicht den Unterschied sofort. An einem gewöhnlichen Mittwoch eher nicht. Dort wartet keine Erkenntnis.

Dort wartet bei mir in der Regel eine E-Mail. Ein Kind muss irgendwo abgeholt werden. Ein Termin beginnt in zwanzig Minuten. Auf dem Schreibtisch liegt etwas, das gestern schon hätte erledigt sein sollen.

Und mitten darin soll man entscheiden, ob das eigene Leben noch stimmt.

Natürlich tut man das nicht. Man macht vielmehr weiter.

Meistens ist das sogar richtig. Problematisch wird es aber, wenn aus dem Weitermachen eine Antwort geworden ist.

Dann gilt die Dauer des Weitermachen plötzlich als Beweis.

Wir haben doch schon so viel geschafft. Wir sind doch schon so weit. Jetzt können wir doch nicht mehr aufhören.

Der Presslufthammer läuft. Und weil er läuft, wird weitergebohrt.

Kishon brauchte für den Bau einen Irren und eine ganze Stadtverwaltung.

Wir schaffen das manchmal allein.

Vielleicht ist mir der Film deshalb nach so vielen Jahren wieder eingefallen.

Ich halte mich dabei nicht für Blaumilch. Das wäre ohnehin die bequemere Rolle. Der Verrückte, der einfach macht, was er will, besitzt einen gewissen Charme.

Mich beunruhigen die Vernünftigen mehr. Diejenigen, die den Verkehr regeln, Formulare bearbeiten und schweres Gerät bestellen. Menschen, die ihre Arbeit ordentlich und professionell machen und gerade dadurch dafür sorgen, dass der Unsinn weitergeht.

Ich kenne einige davon ziemlich gut. Manche sehe ich morgens im Spiegel.

Bei Kishons „Blaumilchkanal" gibt es diesen einen Beamten. Er versteht irgendwann, dass etwas nicht stimmt. Schon der Ausgangspunkt war Unsinn. Eigentlich müsste ihm das einen Vorteil verschaffen. Tut es aber nicht.

Die anderen haben inzwischen zu viel Wirklichkeit hergestellt. Es gibt Absperrungen, Arbeiter, Maschinen und Zuständigkeiten. Der Kanal ist kein Gedanke mehr. Er ist da.

Wer jetzt noch nach dem Warum fragt, stört. Am Ende gilt ausgerechnet derjenige als verrückt, der den Irrsinn erkannt hat.

Das ist Kishons verarbeitete Bosheit. Und vermutlich der Grund, weshalb die Geschichte nach mehr als fünfzig Jahren noch funktioniert.

Denn irgendwann verteidigen Menschen nicht mehr nur ihre Entscheidung. Sie verteidigen das Leben, das daraus entstanden ist. Daran hängen Jahre, andere Menschen, Erinnerungen und Dinge, auf die man zu Recht stolz ist. Auch Fehler, die längst zur eigenen Geschichte gehören.

Und ….. Ein Leben lässt sich nicht zurückbauen wie eine Straße. 

Zu vieles, was aus fragwürdigen Anfängen entstanden ist, kann später trotzdem richtig geworden sein. Menschen haben darin gelebt. Kinder sind groß geworden. Freundschaften entstanden. Unternehmen haben funktioniert.

Denn selbst ein Irrtum kann irgendwann eine brauchbare Adresse haben.

Ich weiß nicht, wie viele Blaumilchkanäle ich in meinem Leben bereits gebaut habe. Einige vermutlich, und bei manchen war ich wahrscheinlich längst mit der Organisation beschäftigt, als die Frage nach ihrem Anfang noch möglich gewesen wäre. Diese Ehrlichkeit ist kein besonders angenehmer Gedanke. Er verlangt nach der Erkenntnis aber auch keine nachträgliche Beichte.

Bei Kishon ist der Kanal am Ende fertig. Wasser läuft durch Tel Aviv, wo vorher eine Straße war. Die Stadt nimmt das neue Bauwerk in Besitz. Nach all dem Lärm sieht es beinahe selbstverständlich aus.

Nur einer erinnert sich noch daran, dass niemand den Kanal bestellt hatte.

Er steht etwas verloren in dieser neuen Wirklichkeit. Die anderen haben längst aufgehört, ihn zu verstehen.

Ich hatte diese Szene früher anders in Erinnerung. Wahrscheinlich war sie komischer.

d.k.butler